Für Daniel Seiler, Chef von Vescore, einer Investment-Boutique von Vontobel AM, ist eine abflachende Zinskurve ein relativ verlässlicher Indikator für Rezessionen. Der  jüngste Rückgang des Zinsabstands zwischen kurz und lang laufenden US-Staatsanleihen auf das niedrigste Niveau seit der Finanzkrise 2007 vesetze die Märkte daher zu Recht in Alarmbereitschaft. "Wir halten dies für kein rein technisches Phänomen, das Marktteilnehmer mit einem Achselzucken abtun können", erklärt Seiler. "Im Gegenteil: Die Gefahr, dass die Weltwirtschaft in eine Rezession abgleitet, ist real", so der Experte.

Das Zinsgefälle, auch "Term Spread" genannt, gilt vielen Spekulanten als verlässliches Barometer für die künftige Konjunkturentwicklung. Sobald die Zinsen am kurzen Ende die am langen übersteigen, wird der Term Spread negativ. Eine solche Entwicklung war die in den vergangenen 60 Jahren vor jeder Rezession zu beobachten (siehe Grafik).

Schrumpfende Term Spreads gingen bislang fast jeder Rezession voraus

Vor allem in den USA ein Thema
Ein schrumpfendes Zinsgefälle ist laut Seiler derzeit vor allem in den USA ein Thema. So halbierte sich etwa der Zinsabstand zwischen drei- und zehnjährigen US-Staatsanleihen zwischen Januar 2013 und Juli 2018, wobei allein in den vergangenen sechs Monaten ein Rückgang von 13 Basispunkten zu verzeichnen war. Seiler erinnert an den Grund dafür: Die US-Notenbank Fed hat die Zinsen kurz laufenden Staatsanleiehn seit Dezember 2015 stetig nach oben geschraubt, zuletzt im Juni. Zugleich kommen die Langfristzinsen nicht von der Stelle, wodurch das Zinsgefälle geringer wird.

In anderen Ländern gibt es bislang kaum oder nur mäßige Anzeichen einer Veränderung in der Neigung der Zinskurve. Deshalb sollten sie sich jedoch nicht in Sicherheit wiegen, mahnt Seiler. Schließlich reiche ein Blick in die Historie, um zu erkennen, dass die USA in Sachen Wirtschaftsaktivität stets die Richtung vorgeben. "Folglich ist auch die Entwicklung des Term Spreads in den Vereinigten Staaten als Indikator für künftige weltweite Trends von zentraler Bedeutung. Denn ihre Folgen könnten auf andere Länder übergreifen", warnt der Experte.

Rein technische Gründe?
Viele Marktbeobachter sähen allerdings lediglich technische Gründe für die aktuellen Entwicklungen, merkt Seiler an. Sie bezweifelten die Tauglichkeit des Zinsgefälles als Konjunkturbarometer. Die Experten würden darauf verweisen, dass die Fed, wie andere Zentralbanken auch, lange Zeit im großen Stil US-Staatsanleihen erwoben hat. Auch wenn die Notenbank ihr Anleihekaufprogramm inzwischen beendet hat, habe sie immer noch einen großen Bestand an langfristigen US-Staatsanleihen, was die Zinsen am langen Ende künstlich niedrig halte. Da aber die Kurzfristzinsen steigen, könne das Zinsgefälle nur schrumpfen.

Allerdings könnte es noch andere, drängendere Faktoren geben, die das lange Ende der Kurve stark belasten, erklärt Seiler. So ist das Risiko am Markt gestiegen, seit US-Präsident Donald Trump seine Rhetorik zum Welthandel verschärft hat. Die neu eingeführten Import- und Gegenzölle könnten das Weltwirtschaftswachstum bremsen. Darüber hinaus haben seit Jahresbeginn die Schwankungen an den Aktienmärkten zugenommen, nicht nur als Reaktion auf die Trumpschen Kapriolen, sondern auch wegen der insgesamt spätzyklischen Dynamik, die mit einem moderateren Wachstum einhergeht. Anleger treibt es daher in Massen in sichere Häfen wie langfristige US-Treasuries, was deren Renditen niedrig hält.

Inverse Zinskurve bleibt gültiger Indikator
Obwohl die widersprüchlichen Bedingungen für eine außergewöhnliche Situation sorgen, gibt es Seilers Einschätzung nach keinen Grund zur Annahme, dass es "dieses Mal anders sein sollte". Der Term Spread bleibe ein gültiger Indikator für die künftige Wirtschaftsentwicklung. "Aber derzeit stehen wir erst am Beginn eines Straffungszyklus. Setzt sich der aktuelle Trend fort, wird es weitere sechs bis zwölf Monate dauern, bis das Zinsgefälle negatives Terrain erreicht", sagt Seiler. "Das wiederum würde auf eine Rezession innerhalb eines Jahres hindeuten, die in den USA beginnt und von dort andere Regionen erfassen wird“, prognostiziert er. (aa)