Die Finanzierungslücke der gesetzlichen Rente ist groß und in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Gleichzeitig ist die Fördersystematik in der privaten Altersvorsorge unzureichend, was sich in der akuten Corona-Krise erst recht zeigt. Zu diesem Ergebnis kommt der Finanzökonomie-Professor Bernd Raffelhüschen in einer Studie im Auftrag des Fondsanbieters Union Investment. "Ursächlich dafür ist (...) die implizite Staatsverschuldung, die aufgrund der Krisenbekämpfung auf rund 357 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) angewachsen ist und durch die der Staat die Steuerzuschüsse zur gesetzlichen Rentenversicherung zurückfahren muss", heißt es in Raffelhüschens' Ausarbeitung. Aus seiner Sicht wird der Politik daher nichts anderes übrig bleiben, als die Rentenbeiträge auf 20 Prozent des Bruttogehaltes zu deckeln und das Rentenniveau auf unter 40 Prozent des letzten Einkommens absinken zu lassen.

Raffelhüschens Appell: Mit der Vorsorge Beauftragte sollten stärker diversifizieren dürfen, dafür müsse die Garantiepflicht entfallen, das Privileg für Staatsanleihen abgeschwächt und ein anderes Eigenkapitalregelwerk geschaffen werden. Im Gespräch mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) forderte der Ökonom, den Finanzdienstleistern der privaten und gesetzlichen Altersvorsorge ein Stück mehr Freiheit und Mut zum Risiko einzuräumen. 

Die FAZ hat die Veröffentlichung der Studie (die hier heruntergeladen werden kann) zum Anlass genommen, um bei führenden Wirtschaftsexperten nachzuhören, wie sie die Lage der betrieblichen und privaten Altersvorsorge in Deutschland einschätzen. Die befragten Ökonomen waren sich mit Raffelhüschen in vielen Punkten einig. "Das Gebot der Stunde ist, angesichts der absehbaren demographischen Entwicklung die Umlagefinanzierung von Renten auf ein langfristig finanzierbares Niveau einzudampfen und die Kapitaldeckung mit der nötigen Breitenwirkung auszubauen", sagte Martin Werding, Ökonom an der Ruhr-Universität Bochum, der FAZ. "In der Rentenpolitik muss daher Realismus einziehen – besser vor als nach der Bundestagswahl 2021."

Defizite in der dritten Säule
Eine Stärke des deutschen Systems ist seine Flexibilität, unterschiedliche Vorstellungen der Altersvorsorge zu ermöglichen. "Diese Vielfalt hat jedoch gerade in Zeiten historisch niedriger Realzinsen ihre Tücken", schreibt Andreas Hackethal, Finanzprofessor der Uni Frankfurt, laut FAZ in einer E-Mail als Reaktion auf das wissenschaftliche Papier. Beitragsgarantien führten bei niedrigem Zinsniveau dazu, dass die Mittel überwiegend in gering verzinste Rentenpapiere flößen.
 
Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht vor allem Defizite in der dritten Säule, an der sich zu wenige Bürger beteiligen würden. "Die zusätzliche Vorsorge müsste man als obligatorischen Bestandteil des Alterssicherungssystems gestalten", schrieb er der Zeitung. "Man scheut das Obligatorium, hat aber kein überzeugendes Konzept, wie die Vorsorgelücke durch freiwillige Ersparnis geschlossen werden kann." (fp)