Das Narrativ von Bitcoin als "digitalem Gold" gerät ins Wanken. Während Edelmetalle stark zulegen, wenden sich immer mehr Investoren von der Kryptowährung ab – ein Rückschlag für ein Argument, das lange den makroökonomischen Reiz des Tokens ausgemacht hat. 

Der Stimmungsumschwung zeigt sich nicht nur in den Kursbewegungen, sondern auch in den Kapitalströmen. In der vergangenen Woche flossen 1,4 Milliarden US-Dollar in Fonds für Edelmetalle, während Bitcoin-nahe Produkte Abflüsse von rund 300 Millionen Dollar verzeichneten. Zugleich fiel der Bitcoin-Kurs auf knapp 86.000 Dollar. Gold stieg im gleichen Zeitraum über 5.500 Dollar, Silber kletterte über 118 Dollar je Unze. Rückenwind lieferten ein auf ein Vierjahrestief gesunkener Dollar sowie geopolitische Spannungen.

"Debasement Trade" ohne Bitcoin
Für viele Investoren, die lange überzeugt waren, dass ein Computercode dem Edelmetall überlegen sei, erwies sich die jüngste Dollar-Schwäche als ernüchternd. Bitcoin erfüllte seine Rolle als makroökonomischer Schutz nicht – just in einer Phase, in der der sogenannte "Debasement Trade" wieder an Bedeutung gewann.

Dieser Ansatz besagt, dass Bitcoin bei einer Schwächung des Dollar steigen sollte, als Absicherung gegen Inflation oder Kaufkraftverlust. Während der Pandemie hatte diese Theorie Auftrieb erhalten, als sowohl Kryptowährungen als auch Gold stark zulegten. Diesmal jedoch stieg Gold – Bitcoin nicht. Die 30-Tage-Korrelation zwischen beiden ist auf minus 0,18 gefallen, was auf gegenläufige Bewegungen hindeutet.

Edelmetalle dominieren Krypto-Derivatebörsen
Auch auf Krypto-Handelsplätzen wird der Trend sichtbar. Plattformen wie Hyperliquid erzielen zwar weiterhin den Großteil ihres Volumens mit nativen Token und Memecoins, dienen aber zunehmend als Barometer für den makroökonomischen Umschwung.

Innerhalb von 24 Stunden wechselten dort in dieser Woche Silber-Futures im Wert von mehr als eine Milliarde Dollar den Besitzer – vier Mal so viel wie beim zweitmeistgehandelten Kontrakt auf einen Aktienindex. Auf der konkurrierenden Börse Ostium machen Rohstoffe, vor allem Gold- und Silber-Perpetuals, inzwischen rund 80 Prozent des offenen Interesses aus.

Perpetuals als Werkzeug für Makro-Wetten
Perpetuals sind Krypto-Derivate, die klassischen Futures ähneln, aber kein Verfallsdatum haben. Sie erlauben es, rund um die Uhr gehebelte Positionen einzugehen – ohne die Verzögerungen klassischer Clearingstellen. Dadurch eignen sie sich besonders für kurzfristige makroökonomische Positionierungen.

"Unsere Händler sind überwiegend kryptoaffine Großinvestoren, die ihr Handwerk im Kryptobereich gelernt haben und in den vergangenen sechs bis neun Monaten zunehmend in andere Anlageklassen gewechselt sind – insbesondere in Rohstoffe", sagte Kaledora Fontana Kiernan-Linn, Mitgründerin von Ostium. Der Anteil kryptobezogener Positionen sei zuletzt auf rund fünf Prozent gesunken.

Frust über Bitcoins Schwäche
Die Stimmung unter den Marktteilnehmern schwankt zwischen opportunistischer Momentum-Jagd und tiefer Enttäuschung. Zwar folgten viele Händler schlicht der FOMO ("Fear of Missing out") in Richtung Edelmetalle. Gleichzeitig wachse jedoch der Ärger darüber, dass Bitcoin in einer Phase deutlicher Dollar-Schwäche weder als Momentum-Investment noch als Absicherung funktioniert habe.

"Der Fokus auf Rohstoffe in den vergangenen Wochen ergibt durchaus Sinn", sagte Laurens Fraussen, Research-Analyst bei der Blockchain-Datenplattform Kaiko. "Die Kryptomärkte sind rund um die Uhr geöffnet und es gibt inzwischen liquide Handelsplätze für diese Rohstoffe."

Ausweitung des Angebots auf klassische Assets
Hyperliquid zählt zu einer neuen Generation von Krypto-Plattformen, die Perpetuals nicht nur auf Token, sondern auch auf Rohstoffe, Aktien und vorbörsliche Werte anbieten. Mit wachsendem Interesse an Nicht-Krypto-Perpetuals ziehen inzwischen auch zentrale Börsen wie Coinbase und Binance mit Futures auf traditionelle Assets nach.

"Wir beobachten deutlich höhere Handelsvolumina bei Silber als bei Gold – ein Hinweis auf die typische Neigung von Krypto-Händlern, dem nächsten Beta nachzujagen", sagte Fraussen. "Zudem sehen wir erste Bewegungen in Richtung Kupfer, in Erwartung der nächsten Rotation."

Kryptomarkt weiter unter Druck
Der Boom bei Nicht-Krypto-Perpetuals fällt in eine Phase anhaltender Schwäche am Digitalmarkt. Seit dem Einbruch Anfang Oktober, bei dem an einem Tag Vermögenswerte im Umfang von rund 19 Milliarden Dollar vernichtet wurden, blieb eine nachhaltige Erholung aus. Das erklärt auch, warum Bitcoin derzeit hinter Aktien und Edelmetallen zurückbleibt.

"Die relative Schwäche von Kryptowährungen hat viele On-Chain-Händler dazu gebracht, auf die relative Stärke von Metallen umzuschwenken", sagte Charlie Ambrose, Mitgründer von Felix, einem Anbieter von Rohstoff-Perpetuals auf Hyperliquid. (mb/Bloomberg)