Wer folgt auf Lagarde? Ökonomen sehen klaren Favoriten
Wer künftig an der Spitze der EZB steht, ist weiter offen. Eine Umfrage unter Ökonomen zeigt jedoch, welcher Kandidat die Nase vorn hat – und macht zugleich deutlich, welche fachlichen und politischen Kriterien bei der Entscheidung eine Rolle spielen dürften.
Der Niederländer Klaas Knot ist der aussichtsreichste Kandidat für die Nachfolge von Christine Lagarde an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB), obwohl andere Bewerber fachlich besser qualifiziert sind. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Nachrichtenagentur "Bloomberg" unter Ökonomen.
Knot, dessen Amtszeit als Präsident der niederländischen Zentralbank im vergangenen Jahr endete, führt das Ranking an. Auf Platz zwei folgt der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Pablo Hernandez de Cos, auf Platz drei Bundesbankpräsident Joachim Nagel.
Schnabel gilt als fachlich stärkste Kandidatin
Gleichzeitig hoben die Befragten EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel als Kandidatin mit dem besten Qualifikationsprofil für die Nachfolge Lagardes hervor, deren Amtszeit im kommenden Jahr endet. De Cos, früherer Chef der spanischen Zentralbank, belegte hier Rang zwei, dicht gefolgt von Knot.
Startschuss für lange Neubesetzung
Die Umfrage folgt auf die Entscheidung, Kroatiens Notenbankchef Boris Vujcic ab Juni zum EZB-Vizepräsidenten zu ernennen – der erste Schritt einer über zwei Jahre angelegten Neubesetzung des Direktoriums der Frankfurter Institution.
Da Vujcic aus Osteuropa stammt, bleibt der Weg für Kandidaten aus Nord- wie aus Südeuropa offen, um sich um Lagardes Posten zu bewerben. Auch seine moderat falkenhafte Haltung dürfte kein größeres Hindernis darstellen beim Versuch der Euro-Länder, ein Gleichgewicht zwischen den Profilen der beiden Spitzenpositionen der EZB herzustellen.

Wer sich am Ende durchsetzt, übernimmt eine Institution in einem deutlich unberechenbareren globalen Umfeld. Die vergangenen Wochen hätten gezeigt, wie schnell geopolitische und institutionelle Normen auf die Probe gestellt werden können.
Welche Qualifikationen zählen
Die Umfrageteilnehmer halten einen wirtschaftswissenschaftlichen Hochschulabschluss und Berufserfahrung bei einer Zentralbank für die wichtigsten Voraussetzungen für einen EZB-Präsidenten. Auch eine Karriere im Finanzsektor und Erfahrung in der Leitung einer Währungsbehörde gelten als hilfreich, ebenso Stationen in der Politik oder anderen europäischen Institutionen.
Das Geschlecht – in früheren Auswahlverfahren ein Streitpunkt – zählt laut Umfrage zu den am wenigsten wichtigen Kriterien.
Lob von Lagarde für Knot und de Cos
Seit Monaten kursieren Gerüchte über Favoriten, die sich vor allem auf Knot und de Cos konzentrieren. Beide genießen hohes Ansehen und wurden auch von Lagarde öffentlich gelobt.
Knot "hat den Intellekt, er hat die Ausdauer, er ist in der Lage, Menschen einzubinden – und das ist eine seltene und sehr notwendige Fähigkeit", sagte Lagarde im Oktober. De Cos beschrieb sie als "fantastischen Teamplayer" und "sehr gründlichen Ökonomen".
Erfahrung im EZB-Rat und auf internationaler Ebene
Knot war während seiner 14 Jahre im EZB-Rat einer der einflussreichsten Vertreter und rückte nach einem zunächst stark falkenhaften Kurs später in die geldpolitische Mitte. Als Vorsitzender des Financial Stability Board trug er zudem dazu bei, die internationale Regulierungskoordination auch in Phasen von Marktturbulenzen aufrechtzuerhalten.
Schnabels Stärken – und ihre Hürden
Auch Schnabel konnte sich von Lagarde ermutigt fühlen. Im vergangenen Monat sagte die Präsidentin, es gebe "viele sehr gute Kandidaten, und Isabel ist eine davon". Die Ökonomieprofessorin und frühere Wirtschaftsweise ist seit 2020 Mitglied des EZB-Direktoriums. Sie dringt in Debatten oft tiefer vor als viele ihrer Kollegen und hat sich zu der Notenbankerin entwickelt, deren Meinung unter Ökonomen am meisten Gehör findet.
Trotz ihrer hohen fachlichen Bewertung steht Schnabel vor rechtlichen Hürden, da EZB-Mandate nicht verlängerbar sind und bislang kein klarer Ausweg aus dieser Regel erkennbar ist. Zudem könnte ihre geldpolitische Position am sehr falkenhaften Ende des Spektrums ein Hindernis sein.
Wunsch nach zentristischem Profil
Generell "will man vermutlich jemanden mit einer eher zentristischen Haltung, um den konsensorientierten Charakter zu bewahren und die polarisierten Strömungen im EZB-Rat zu befrieden", sagte Andrzej Szczepaniak, früherer EZB-Ökonom und heute bei Nomura tätig.
Knot, de Cos und Nagel würden dieses Profil erfüllen. Ihre Regierungen haben sich zu diesem frühen Zeitpunkt jedoch noch nicht zu möglichen Kandidaturen geäußert.
Nationale Interessen rücken in den Fokus
Die Niederlande und Deutschland haben sich öffentlich nicht positioniert. Lars-Hendrik Röller, früherer Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sagte jedoch, es sei "an der Zeit", dass ein Deutscher den Vorsitz übernehme.
Spanien strebt laut Wirtschaftsminister Carlos Cuerpo erneut einen Sitz im Direktorium an, wenn der amtierende Vizepräsident Luis de Guindos im Mai ausscheidet. "Tatsache ist, dass Spanien die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft ist, ein großes Land mit einer leistungsfähigen Wirtschaft und hervorragenden Fachleuten – und dennoch noch nie den Präsidenten der Europäischen Zentralbank gestellt hat", sagte die Präsidentin der Europäischen Investitionsbank, Nadia Calviño, am Donnerstag (22.1.) in Davos gegenüber "Bloomberg TV".

Weitere Kandidaten und Zeitplan
Zu weiteren als wahrscheinlich oder qualifiziert eingestuften Nachfolgern zählen Frankreichs Notenbankchef François Villeroy de Galhau und Italiens Fabio Panetta, deren Länder das Präsidentenamt jeweils bereits innehatten. Hinzu kommt Olli Rehn aus Finnland, der bei der Wahl zum Vizepräsidenten den zweiten Platz belegte.
Als weniger wahrscheinlich gelten für die Umfrageteilnehmer unter anderem Calviño sowie Jörg Kukies, der nach dem Zerbrechen der Ampel-Regierung in Berlin kommissarisch als Finanzminister amtierte.
Bei aller Spekulation sollte man nicht vergessen, dass auch ein Überraschungskandidat auftauchen könnte – Lagarde selbst zählte vor ihrer Nominierung nicht zu den Favoriten.
Die meisten Befragten rechnen mit einer Entscheidung im zweiten Quartal 2027. Einige halten auch eine frühere Einigung für möglich. Fast die Hälfte erwartet, dass die Entscheidung Teil eines größeren Pakets sein wird, das auch die Nachfolge von Chefvolkswirt Philip Lane umfasst. Ein weiteres Viertel geht von einer Dreierlösung aus, die auch Schnabels Direktoriumssitz einschließt. (mb/Bloomberg)















