Die Aktienkurse zeigen sich seit Monaten überraschend stabil. Sowohl in Europa als auch in den USA bewegen sich diverse Volatilitätsindizes auf sehr niedrigem Niveau. Unter der Oberfläche lauern aber mehrere Risiken. Christian Nemeth, Anlagechef der Zürcher Kantonalbank Österreich (ZKB), weist darauf hin, dass die Wirtschaft in den USA und den Schwellenländern nicht mehr so dynamisch wächst wie bisher. "In Europa wird wahrscheinlich im dritten Quartal der Zenit der Wirtschaftserholung erreicht", prophezeit er. "Das Beste liegt dann wohl hinter uns." Das sei kein Alarmsignal, betont Nemeth, sondern eine natürliche Entwicklung.

Der ZKB-Experte fragt sich zudem, wann die Fed ihre Anleihekäufe zurückfährt. "Hier spielt auch das Thema Inflation mit", sagt er. Bleibt die Teuerung auf ihrem aktuellen Pfad, wäre im mehrjährigen Durchschnitt bald die Zielmarke von zwei Prozent erreicht. "Nun ist entscheidend, wann die US-Notenbank glaubt, dass auch die wirtschaftliche Erholung kräftig genug ist, um wieder in Richtung Normalisierung zu gehen", sagt Nemeth. Es sei realistisch, dass die Anleihekäufe noch im laufenden Jahr reduziert werden. Erste Zinsanhebungen könnte es dann im Jahr 2023 geben.

Corona setzt Industriestaaten nicht mehr so stark zu
Neben der nachlassenden Wirtschaftsdynamik und der geldpolitischen Entwicklung ist auch die Delta-Variante des Coronavirus ein Risikofaktor für die Aktienmärkte. In der Europäischen Union, wo bereits 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geimpft sind, rechnet Nemeth allerdings nicht mehr mit harten Restriktionen, die die Wirtschaft gefährden. Auch in den USA sieht er die aktuelle Konjunktur-Verlangsamung nur zum Teil in Delta begründet. Versorgungsengpässe und steigende Preise spielen dabei eine größere Rolle, sagt er.

Für Anleger sollten Aktien trotz der diversen Risiken die bevorzugte Anlageklasse bleiben, sagt Nemeth. Die recht hohen Bewertungen seien durch die Gewinnsteigerungsraten der Unternehmen gerechtfertigt. Die ZKB bleibt bei Aktien übergewichtet und legt den Fokus auf Titel aus Industriestaaten. Die Schwellenländer und der pazifische Raum bleiben untergewichtet. (fp)