In seiner Anlagestrategie setzt Christian Jasperneite stark auf Aktien, der Investmentchef der Hamburger Privatbank M.M. Warburg & Co. macht sich aber auch schon lange Gedanken darüber, wie sich die Risiken am Aktienmarkt smarter steuern lassen. Im ersten Teil des großen Interviews mit FONDS professionell ONLINE spricht Jasperneite über seinen aktuellen Ausblick für die Aktienmärkte – und erklärt, wie er mit Klumpenrisiken im Portfolio umgeht und wie sich geopolitische Aspekte in der Aktienallokation berücksichtigen lassen.


Herr Jasperneite, in den vergangenen Jahren wurde eigentlich jeder bestraft, der Risiko in seiner Aktienallokation rausgenommen hat. Wie offensiv investieren Sie?

Christian Jasperneite: Wir sind schon lange übergewichtet in Aktien und bleiben das auch mit Sicht nach vorne. Tatsächlich waren seit Jahren alle Rückschläge unterm Strich Kaufgelegenheiten und die Kurse erholen sich zudem sehr viel rascher als noch vor zehn oder 20 Jahren. Das hängt auch damit zusammen, dass sich Anleger auf das Eingreifen der Notenbanken verlassen, wenn einmal etwas richtig schief laufen sollte.

Verlassen sich Anleger Ihrer Meinung nach zu Recht auf die Notenbanken?

Jasperneite: Ich denke schon, dass Notenbanken heute proaktiver sind. Sie haben ihren Werkzeugkasten deutlich erweitert und die neuen Werkzeuge auch schon in der Corona-Pandemie und der globalen Finanzkrise erfolgreich getestet. Ordnungspolitisch finde ich es gar nicht so gut, dass Notenbanken bei jeder Gelegenheit glauben, sie müssten die Welt retten. Aber das gibt den Märkten Stabilität. Abgesehen davon steigen ja auch die Gewinne der Firmen und auch das treibt die Aktienkurse. Deshalb ist es auch fundamental kaum zu rechtfertigen, jetzt sehr defensiv zu werden.

Wie ernst nehmen Sie die Angriffe auf die US-Notenbank?

Jasperneite: Es wird viel geredet vom politischen Druck auf die Fed. Auch ich sehe die Unabhängigkeit der Fed durchaus in Gefahr. Aber wenn wir ehrlich sind, hat auch die Europäische Zentralbank (EZB) von 2009 bis 2013 im Sinne der Euro-Staaten die Märkte stabilisiert und dafür gesorgt, dass sich die Staaten refinanzieren können. Das stand so auch in keinem klassischen Lehrbuch. Aber auch das allgemeine Zinsumfeld ist eher unterstützend, gerade in den USA mit erwarteten Leitzinssenkungen: Egal wie man es dreht und wendet, die Ampel für Investoren steht auf Grün.

Okay, noch ein Gegenargument: Einige Vorzeigeunternehmen im Softwarebereich wie Oracle oder SAP haben zuletzt geschwächelt. Ist das ein Vorbote dafür, dass wir vielleicht auch mehr Differenzierung bei den Mega Caps sehen werden in Zukunft?

Jasperneite: Ja, das lag schon so ein bisschen in der Luft. Nicht, dass wir genau gewusst hätten, welche Unternehmen es trifft und wann genau, aber dass irgendwann eine Phase kommt, in der auch solche riesigen Unternehmen, die die Indizes teilweise auf absurde Art und Weise dominieren und deren Performance bestimmen, mal Schwächen zeigen werden, das war doch irgendwie auch klar. Schauen Sie sich mal den S&P 500 vor 20 oder 30 Jahren an, da war die Indexzusammensetzung komplett anders. Zu glauben, dass ab jetzt nach vorne raus kein Favoritenwechsel mehr kommt, das ist ja verrückt.

Und wie reagieren Sie auf diese Erkenntnis?

Jasperneite: Wir haben schon seit längerer Zeit überlegt, wie man Portfolios strukturieren müsste, die dem Rechnung tragen, dass die Topperformer der vergangenen Jahre ein sehr großes Gewicht haben, dass man das aber nicht fortschreiben kann. Man sollte nicht auf die aktuellen Champions verzichten, aber zugleich etwas weniger Klumpenrisiken eingehen. Eine relativ simple Möglichkeit besteht darin, Indizes und Portfolios zu bauen, in denen man nicht eins zu eins auf die Marktkapitalisierung setzt, wie ETFs das meistens machen, sondern zum Beispiel auf die Quadratwurzel der Marktkapitalisierung.

Wie verändert sich ein Portfolio dadurch?

Jasperneite: Ich ändere damit nicht die Rangreihenfolge, die Großen sind immer noch die Großen, die Kleinen sind die Kleinen. Aber ich habe diese unglaubliche Wette rausgenommen, dass die ganz Großen weiterhin outperformen werden. Denn dies widerspricht ja der Erfahrung, wenn man auf die Veränderung der Indexstrukturen in der Vergangenheit schaut.

Haben Sie die Wertentwicklung einer solchen Strategie zurückgerechnet?

Jasperneite: Ja, das hätte in den vergangenen Jahren sehr attraktive Rendite-Risiko-Profile produziert. Nach vorne raus müsste man eigentlich viel mehr diese Art von Portfoliostrukturierung wählen. Wir haben kürzlich auch die erste Strategie im Defence-Sektor aufgesetzt, deren Portfoliokonstruktion so funktioniert und auch die hat genau davon profitiert, dass die Rückschläge einiger dieser Mega Caps einfach nicht so durchgekommen sind.

Europäische Autonomie ist ja ein ganz großes Thema. Darüber wird gerade auf EU-Ebene diskutiert, und auch der deutsche Vizekanzler Lars Klingbeil fordert mehr "Buy European". Wenn Europa eine Aktie wäre, würden Sie darauf setzen?

Jasperneite: Ja, im Prinzip schon, weil die Staaten in Europa das auch stärker forcieren. Auch die Anstrengungen zu einer Stärkung des europäischen Finanzmarktes finde ich sinnvoll. Aber zu glauben, dass man einfach auf den Knopf drückt und dann hat man sozusagen Europa wieder nach vorne katapultiert, weil die Bürger oder der Staat europäisch einkaufen, das wird nicht so funktionieren. Es gibt Bereiche, da sind wir sehr gut und da sollten wir vielleicht auch etwas patriotischer im Einkauf agieren. Aber wir können nicht erwarten, dass wir im Bereich KI, Cloud-Computing oder auch im Chip-Bereich in den kommenden 20 Jahren ernsthaft was zu melden haben.

Also kein neuer Home Bias in Ihrer Aktienallokation?

Jasperneite: Wir sind tatsächlich in Amerika übergewichtet. Fairerweise muss man sagen, dass die Dollar-Abwertung in den vergangenen zwölf Monaten für Dollar-denominierte Assets nicht ideal war. Wir glauben aber nicht, dass sich die Dollar-Schwäche in dem Tempo fortsetzt. Bei Aktien nutzen wir ohnehin kaum Währungsabsicherung, auch weil man bei Aktien ja einen leichten eingebauten Hedge hat. Eine schwächere Währung ist ja oft positiv für die Firmen, die aus diesem Währungsraum kommen.

Schauen wir nach Asien: Die Börsen sind im vergangenen Jahr extrem gut gelaufen und viele Experten gehen von einer dauerhaften Verlagerung der Kapitalströme in den asiatischen Raum aus. Wie sehen Sie das?

Jasperneite: In Asien passiert technologisch wahnsinnig viel. Dazu kommen niedrige Arbeitskosten und eine bessere Arbeitsmoral als in Deutschland und Europa. Man ist auch deregulierter, mit vielfach besserer Bildung und Infrastruktur. Eigentlich ist das ein Umfeld, wo man sich engagieren sollte. Wir haben bisher immer um China einen Umweg gemacht wegen Bedenken zur Sicherung der Eigentumsrechte. Wir haben dort immer wieder erlebt, dass über Nacht ganze Geschäftsmodelle und Sektoren entwertet werden, weil der Staat dazwischen grätscht. In einem Land, in dem Eigentumsrechte nicht sicher sind, will ich eigentlich kein Aktionär sein.

Meinen Sie, dass Sie das noch lange durchhalten können?

Jasperneite: Zuletzt wäre es natürlich gut gewesen, in China hier und da investiert gewesen zu sein. Aber man muss auch sagen, jenseits von China gibt es im asiatischen Bereich so viele großartige Unternehmen, dass man auch dort gute Chancen findet.

Vielen Investoren geht es nicht nur um Eigentumsrechte, sondern auch ganz konkret um die Spannungslage mit Taiwan. Wenn Sie nun in Taiwan, Korea und so weiter investieren und es geht geopolitisch etwas schief, stecken Sie doch auch mit anderen Staaten der Region mit drin?

Jasperneite: Da haben Sie natürlich recht. In dem Moment, in dem man Asien stärker berücksichtigt, hat man gleichzeitig auch höhere geopolitische Risiken im Portfolio. Das muss man zumindest wissen. Wir glauben nicht, dass in den nächsten drei Wochen die ganz große geopolitische Krise ausbricht. Aber man muss die Risiken kennen, und zwar nicht nur auf Länderebene, nicht nur auf sektoraler Ebene, sondern wirklich Einzeltitelebene, um in dem Moment, wo auf einmal neue geopolitische Risiken auftauchen, dann noch relativ schnell in der Lage zu sein, den Hebel umzulegen. Und das machen wir auch.

Und wie genau?

Jasperneite: Wir haben ein Bewertungsmodell erstellt, mit dem wir für rund 2.500 Firmen aus Industriestaaten und Schwellenländern ein Scoring zum Exposure gegenüber geopolitischen Risiken erstellen. Dabei nutzen wir natürlich auch KI, um die Unternehmen nach einem vordefinierten Fragenkatalog zu bewerten. Das Ergebnis checken wir noch quer mit Stichproben, und wir waren zunächst selbst überrascht, wie gut die Qualität ist. Dadurch haben wir in der Schublade eine Bewertung für ungefähr 2.500 Unternehmen und können je nach Entwicklung geopolitischer Risiken auch sehr schnell entscheiden, welche Titel auf jeden Fall raus müssen oder vielleicht sogar relativ betrachtet besonders interessant sind.

Fließt das auch in Ihre effektive Allokation ein?

Jasperneite: Wir überlegen durchaus, ob man diese Art von Fähigkeiten in Finanzprodukte einfließen lässt, im Bereich aktive ETFs beispielsweise, weil es bisher nichts Vergleichbares in dem Bereich gibt. Das Thema Geopolitik und geopolitische Resilienz wird meines Wissens bisher nirgends so richtig adressiert, obwohl das eigentlich das Thema ist, über das wir auch mit vielen Investoren sprechen.

Haben Sie dazu ein Beispiel?

Jasperneite: Man kann das durchdeklinieren, selbst für eine Nvidia. Nvidia ist vordergründig ein Unternehmen mit hoher technologischer Autonomie. Wenn man aber weiß, wie stark die letztlich doch abhängig sind von taiwanesischer Produktion und chinesischen Vorprodukten, kann man das Unternehmen aus geopolitischem Aspekt nicht ganz unkritisch sehen. Das kann man aber für jede Aktie und jedes Szenario Stück für Stück durchdeklinieren. Also im Zweifel müssen viele Aktien dann in einem Portfolio zumindest perspektivisch stark untergewichtet werden, je nachdem wie virulent so eine geopolitische Krise dann wird.

Welche Firmen sind besonders resilient und welche sind sehr anfällig?

Jasperneite: Gut aufgestellt sind meistens Softwareunternehmen, die nutzen keine kritischen Rohstoffe und sind nicht abhängig von intakten Seeverkehrswegen. Viele Werte, die die letzten Wochen teilweise gelitten haben, auch in diesem KI-Kontext, sind eigentlich Unternehmen, die geopolitisch einigermaßen resilient aufgestellt sind. Kritischer wird es immer, wenn es Richtung Produktion und sehr komplexe Lieferketten geht. Sobald ich kritische Rohstoffe wie seltene Erden als Rohstoff brauche für meine Endprodukte, habe ich ein Riesenproblem. Je nachdem, wie radikal man solche Portfolios baut, sehen sie danach ganz, ganz anders aus als der MSCI World.

Vielen Dank für das Gespräch. (jh)


Der zweite Teil des Interviews mit Christian Jasperneite erscheint in den kommenden Tagen. Darin erfahren Sie, warum der Anlagechef von M.M. Warburg & Co. nicht an eine große Zukunft von Kryptowährungen glaubt – und wieso ihm der Private-Debt-Markt Sorgen bereitet.