Der Private-Equity-Gigant Warburg Pincus wagt sich ein weiteres Mal hinab in das Kleinklein des deutschen Maklermarktes. Vor knapp vier Jahren stieg die angelsächsische Beteiligungsgesellschaft bei Blau Direkt ein und verordnete dem ohnehin schon wachstumsstarken Maklerpool einen rasanten Expansionskurs. Nun folgt, nach vielen kleinen Übernahmen unter dem Blau-Direkt-Dach, der nächste große Deal: Netfonds ist bald kein börsennotierter Finanzdienstleister mehr, sondern eine Schwestergesellschaft von Blau Direkt – verbunden mit der Ansage, dass beide Unternehmen bitteschön sehr eng kooperieren sollen.

Den kleinteiligen und unübersichtlichen Markt der deutschen Maklerpools bringt das gehörig in Bewegung. Aus der Sicht des Investors, der sich gewöhnlich mit Deals ganz anderer Größenordnung beschäftigt, handelt es sich dagegen um einen Routinevorgang: Warburg Pincus ergänzt das Investment Blau Direkt um einen entscheidenden Baustein, auf dass sich das Gesamtkonstrukt in einigen Jahren mit gutem Gewinn veräußern lässt.

Schon viele Übernahmekandidaten angeschaut
Blau Direkt hat es in den vergangenen Jahren geschafft, unzählige äußert zähe Prozesse im Versicherungsbereich erfolgreich zu automatisieren und damit zu beschleunigen. In diesem Segment wächst das Unternehmen weiterhin stark, doch mit jeder Übernahme eines Maklerhauses und jeder Outsourcing-Vereinbarung sinkt das künftige Expansionspotenzial. Wo liegt also der nächste große Hebel? Im Investmentgeschäft.

Das Topmanagement von Blau Direkt hat sich – mit dem Geld von Warburg Pincus im Rücken – in den vergangenen Jahren schon viele Übernahmekandidaten angeschaut. Oft scheiterten die Deals an Sonderwünschen der potenziellen Verkäufer oder der komplizierten Konzernstruktur. Wenn mehrere Aufsichtsbehörden aus verschiedenen Ländern mitzureden haben, schmälert das die Attraktivität des Deals doch sehr. Also musste sich Blau Direkt damit zufriedengeben, weiterhin über eine Kooperation am Investmentgeschäft teilzuhaben.

Blau Direkt erschließt sich eine neue Zielgruppe
Die bereits 2020 verkündete Zusammenarbeit mit dem Maklerpool Fondsnet erlaubt es zwar, den angebundenen Maklern auch die Fondsvermittlung zu guten Konditionen anzubieten. Wirklich am Ziel war Blau Direkt damit aber nicht. Mit der Übernahme von Netfonds gelingt das nun. Denn der Hamburger Maklerpool darf als relevante Größe im Investmentgeschäft gelten.

Über Netfonds erschließt sich Blau Direkt eine Zielgruppe, an die die Lübecker bislang nicht rangekommen waren: echte Investmentberater, darunter viele ehemalige Banker, die sich selbstständig gemacht haben. Überschneidungen mit Blick auf die Kundengruppen gibt es kaum, darum ergänzt Netfonds das Warburg-Pincus-Portfolio gut.

Neben Wachstums- schlummert auch Einsparpotenzial
Die Hamburger haben in den vergangenen Jahren viel Geld und Arbeit in ihre Finfire-Plattform investiert. Nach Startschwierigkeiten funktioniert Finfire inzwischen offensichtlich gut und sorgt für deutliches Wachstum. Dennoch bleibt der Eindruck, dass das Wachstum nicht so rasant verläuft wie ursprünglich erhofft. Da kann die enge Zusammenarbeit mit Blau Direkt für einen echten Schub sorgen.

Wichtig aus Sicht von Warburg Pincus ist auch, dass der Deal nicht nur Wachstums-, sondern auch Einsparpotenzial bietet: Zunächst sollen Blau Direkt und Netfonds zwar unabhängig voneinander bestehen bleiben. Klar ist aber auch, dass langfristig viele interne Funktionen zusammengelegt werden könnten. Offensichtlich ist auch, dass Netfonds in der genannten Konstellation zwar im Investmentbereich punkten kann, im Versicherungssegment aber gegenüber Blau Direkt abfällt. Auch da schlummern mögliche Synergieeffekte. Das gilt zumindest auf lange Sicht auch mit Blick auf die beiden großen Standorte Lübeck und Hamburg.

Erst expandieren, dann verkaufen
So oder so gilt: Warburg Pincus hat weder Blau Direkt noch Netfonds gekauft, um die Unternehmen über viele Jahre hinweg nebeneinanderher werkeln zu lassen. Die beiden einstigen Wettbewerber sollen nun schnell zusammenfinden, eine überzeugende Wachstumsstory schreiben – und dann weiterverkauft werden.