Als vor 20 Jahren die ersten Ökostromanbieter Erfolge feierten, kamen die großen Energiekonzerne auf eine Idee: "Stimmt, hauptsächlich verfeuern wir Kohle und spalten Plutonium. Aber wir betreiben doch auch ein paar alte Wasserkraftwerke – lasst uns das als Ökostrom vermarkten!" Gesagt, getan. Plötzlich hatten auch die Energieriesen Ökostrom im Angebot, und das deutlich günstiger als die Umweltpioniere, die eifrig in neue Windräder und Solaranlagen investierten.

Was die alten Konzerne als Ökostrom verkauften, half der Umwelt natürlich kein bisschen weiter. Es wurde lediglich ein Teil der ohnehin vorhandenen Kapazität mit einem grünen Etikett versehen – und gewissermaßen alter Strom in neuen Schläuchen vermarktet. Wer als Verbraucher etwas bewirken wollte, musste schon zum Angebot der Überzeugungstäter greifen, die versprachen, einige Cent je Kilowattstunde in neue Ökoprojekte zu stecken.

Das Beispiel lässt sich auf den Asset-Management-Markt übertragen. Oft genug drängt sich auch hier der Eindruck auf, dass der große Aktientopf nur umsortiert wird: Die "grünen" Titel werden rausgepickt und als ESG-Fonds vermarktet, ohne dass dies einen Effekt auf die Nachhaltigkeit des Gesamtmarktes hätte. Anleger und Finanzberater tun deshalb gut daran, genau hinzuschauen: Welcher Portfoliomanager nutzt seinen Einfluss wirklich, um die Unternehmen zu einer nachhaltigeren Geschäftsstrategie zu treiben? Alle anderen verkaufen nur alten Strom in neuen Schläuchen.