Der Staat als Wettbewerber: Welche Lehre die Branche ziehen sollte
FONDS professionell-Chefredakteur Bernd Mikosch über die Frage, was aus der Lobby-Pleite rund um das Altersvorsorgedepot für die Anbieter folgt.
Egal ob Asset Manager, Banken, Finanzvertriebe oder Neobroker: Die Branche freute sich geradezu auf das Altersvorsorgedepot. Ein staatlich gefördertes Produkt, das echte Teilnahme am Kapitalmarkt erlaubt, ohne Zwang zur Kapitalgarantie oder Verrentung – davon hatte Deutschlands Investmentindustrie jahrelang geträumt. Endlich schien es gelungen zu sein, sich gegen die zuvor übermächtige Interessenvertretung der Versicherer durchzusetzen, die nach wie vor davon überzeugt sind, dass nur sie eine echte Altersvorsorge anbieten können.
Doch der vermeintliche Lobby-Erfolg wurde auf den letzten Metern der Gesetzgebung so deutlich geschmälert, dass man von einer Lobby-Pleite sprechen muss: Für das Altersvorsorgedepot wird es eine staatlich organisierte Variante geben. Damit hatten die Interessenvertreter nicht gerechnet.
Private Altersvorsorge heißt nicht, dass es nur private Anbieter geben darf
Entsprechend laut wettert die Branche nun gegen das Vorhaben – mit durchaus nachvollziehbaren Argumenten. Ordnungspolitisch hat ein staatliches Produkt in einem privatwirtschaftlich organisierten Markt nichts zu suchen. Die Befürchtung ist verständlich, dass die Bürger ihr Erspartes lieber dem Staat anvertrauen werden als einem Privatunternehmen, zumal aus einer Branche, mit der viele nicht nur gute Erfahrungen gemacht haben. Außerdem ist es gut möglich, dass der Staat der Versuchung unterliegt, nicht alle Kosten für das neue Produkt auf die Verbraucher umzulegen, sondern zumindest einen Teil davon dem Steuerzahler aufzubürden. Das wäre ein weiterer ungerechtfertigter Wettbewerbsvorteil.
Nur darf die Branche eines nicht vergessen: Wenn sie sich in einen staatlich geförderten Markt begibt, darf sie sich nicht wundern, wenn der Staat Regeln setzt, die ihr nicht passen. Ja, es geht um die private Altersvorsorge, nicht um die staatliche Rente, aber sie wird immer noch vom Staat bezuschusst. Privat heißt in diesem Fall nicht automatisch, dass sich dort nur private Anbieter tummeln dürfen, sondern vielmehr, dass sich die Bürger als Privatpersonen um ihre Altersvorsorge kümmern.
Wenn die Menschen lernen, dass Aktien kein Teufelszeug sind, profitieren alle
Welche Lehre die Branche daraus ziehen sollte, liegt eigentlich auf der Hand: Sie sollte sich auf die "echte", nicht vom Staat bezuschusste private Altersvorsorge konzentrieren. Für Menschen, die relevante Summen investieren möchten, ist das Altersvorsorgedepot ohnehin nur ein Baustein von vielen. Abseits davon kann die Privatwirtschaft lukrativere Anlagen bieten als der Staat.
Indirekt dürfte die Branche ohnehin vom neuen Modell profitieren: Wenn immer mehr Menschen dank ihres Altersvorsorgedepots lernen, dass Aktien kein Teufelszeug sind, verlieren sie die Scheu vor weiteren Investments – und werden perspektivisch zu guten Kunden. Ganz unabhängig davon, ob das Standarddepot vom Staat oder von einem privaten Anbieter organisiert wird.













