Die Causa Wirecard wird voraussichtlich auch für einige Fondsanbieter unerfreuliche Folgen haben. Aktive Manager, die das Papier bis zuletzt in ihren Portfolios hatten, müssen damit rechnen, von Anlegern wegen dieses "Fehlers" kritisiert und unter Umständen sogar belangt zu werden. Der Vorwurf, die "Financial Times" (FT) habe bereits im Januar 2019 auf mögliche Unregelmäßigkeiten in den Büchern des IT-Unternehmens hingewiesen, drängt sich auf.

Mit dem heutigen Wissensstand ist es allerdings einfach, derlei Kritik zu üben. In Wahrheit wird es für Investmentgesellschaften nie möglich sein, sich gegen mutmaßliche Betrugsfälle zu schützen. Besonders schwierig wird es, wenn solche Praktiken in einem Unternehmen passieren, das auffallend erfolgreich agiert und in einer extrem aussichtsreichen Wachstumssparte tätig ist. Dass der Online-Handel eine goldene Zukunft hat, ist nicht erst seit Ausbruch der Covid-19-Krise evident: Der Höhenflug eines Unternehmens wie Paypal hält seit fast zwei Jahrzehnten an. Als aktiver Fondsmanager darf man solche Highflyer nicht verpassen, will man nicht hinter den ETF-Anbietern zurückbleiben, die wachstumsstarke Werte systembedingt automatisch laufend höher gewichten.

Schmaler Grat zwischen Bilanzkosmetik und -fälschung
Klar ist allerdings auch, dass mit unschöner Regelmäßigkeit auch bei großen Unternehmen Bilanzskandale ruchbar werden – trotz testierter Jahresabschlüsse und Kontrollen durch nationale und internationale Aufsichtsbehörden. Dass dies möglich ist, liegt an der Komplexität der Buchhaltung internationaler Konzerne. Zwar gibt es für Unternehmen, die den Kapitalmarkt nutzen, in Gestalt der IFRS internationale Regeln. Wenn sich aber irgendwo in einer international konsolidierten Bilanz eine Manipulation versteckt, ist das nicht ohne weiteres zu entdecken. Hinzu kommt, dass sehr viele börsennotierte Unternehmen legale Möglichkeiten der Bilanzkosmetik nutzen, um sich den Investoren in möglichst günstigem Licht zu präsentieren. Erst wenn Zahlen geschönt werden, um eine schwierige Unternehmenslage zu kaschieren, wird es heikel – zur Bilanzfälschung ist es dann nicht mehr weit.

Wie schwierig die Analyse ist, beweist die Tatsache, dass die FT seit Anfang 2019 über mögliche Unregelmäßigkeiten in den Bilanzen von Wirecard berichtet, und erst nun – fast eineinhalb Jahre danach – durch eine vom Unternehmen selbst in Auftrag gegebene KPMG-Sonderprüfung zutage kam, dass wesentliche Unterlagen für eine vollständige Prüfung fehlen.

Ein – zumindest teilweiser – Schutz ist möglich
Zu verlangen, dass Analysten von Investmenthäusern so etwas bemerken müssen, ist daher unrealistisch. Sie beobachten ja nicht nur ein Unternehmen, sondern eine Vielzahl davon und das meist nicht nur in einer Branche. Es ist unmöglich, jedes einzelne davon ununterbrochen genau im Visier zu haben. Auch Fondsanbieter müssen davon ausgehen dürfen, dass die publizierten Daten nicht gefälscht sind.

Ihr Schutz und damit der Schutz der Anleger besteht darin, dass man eben nicht nur eine Aktie hält, sondern im Normalfall zumindest Dutzende. In den kommenden Wochen und Monaten werden sich daher vor allem jene Anbieter in der Kritik sehen, die Wirecard vergleichsweise stark übergewichtet haben – und das auch noch taten, nachdem die ersten Fragezeichen im Raum standen.