Vor gut einem Jahr, Anfang Juni 2024, war eine besondere Bühne bereitet für eine besondere Nachricht: Bei einer Veranstaltung auf einem Event-Boot in Hamburg stellte der Maklerdienstleister Blau Direkt der Fachpresse nicht nur ambitionierte Wachstumspläne und gute Geschäftszahlen vor, sondern auch einen neuen Chef.

Mit Lars Drückhammer verabschiedete sich nach Oliver Pradetto der zweite Blau-Direkt-Gründer aus der operativen Geschäftsführung. Fortan würde erstmals ein externer Manager an der Spitze des Unternehmens stehen: Kai-Uwe Laag, der zuvor als Führungskraft beim Telekomkonzern Telefónica und dem Hörgerätespezialisten Amplifon Karriere gemacht hatte. Laag, so die Botschaft am Kai des Hamburger Mittelkanals, würde die Strukturen des Unternehmens weiter professionalisieren und die Basis legen für ein weiterhin rasantes Wachstum – ganz im Sinne des Mehrheitseigentümers, der Private-Equity-Gesellschaft Warburg Pincus.

Geplante Courtagekürzung sorgt für Aufschrei
Für Blau Direkt war dieser Chefwechsel ein echter Einschnitt. Klar, der Übergang von der Gründergeneration zu einem externen Management ist nie ganz einfach. Doch bei Blau Direkt kamen zwei weitere Punkte hinzu: Zum einen fehlten Laag das Netzwerk und die jahrelange Branchenerfahrung, die an der Spitze eines derart spezialisierten Unternehmens sicherlich nicht schaden können. Zum anderen galt Drückhammer vielen bei Blau Direkt gewissermaßen als Vaterfigur. Er war es, der die "Familie" zusammenhielt. Wie sollte es ohne ihn weitergehen?

Dass Laag in dieser Konstellation keinen leichten Stand haben würde, war abzusehen. Hinzu kam, dass sich Blau Direkt im Herbst vergangenen Jahres von Oliver Lang trennte, dem seinerzeit einzigen Geschäftsführer, der nach Drückhammers Abgang tief im Finanzvertrieb verwurzelt war. Kein halbes Jahr später befürwortete Laag die Idee, verdienten Maklern die Provisionen zu kürzen, was intern für einen Aufschrei sorgte. Laag zeigte sich daraufhin zerknirscht, räumte Fehler ein und machte die Courtageanpassung schnell wieder rückgängig.

Eines Tages steht der Exit an
Jetzt hat Laag sein Amt mit sofortiger Wirkung niedergelegt, "aus persönlichen Gründen", wie es in der Pressemitteilung heißt. Ob die Episode rund um die Courtageanpassung vor Ostern bei der Entscheidung eine Rolle spielte, muss offen bleiben. Interessant ist aber, was Pradetto und Drückhammer, nunmehr Mitglieder des Beirats von Blau Direkt, Laags Nachfolger Ait Voncke ins Pflichtenheft schreiben: "Wir wünschen uns, dass Ait Voncke seinen Fokus auf den partnerschaftlichen Umgang mit Versicherern und Maklern und Investitionen in Innovationen als Kern unseres Unternehmens setzt."

Wie schon Laag fehlt auch Voncke einschlägige Erfahrung im Finanzvertrieb. In der Pressemitteilung wird Voncke als "ausgewiesener Plattform- und Technologie-Experte" vorgestellt, er soll die "nächste Wachstumsphase" gestalten. Warburg Pincus ist bei Blau Direkt nun seit rund drei Jahren an Bord. Für einen Ausstieg scheint es da noch zu früh zu sein. Doch dass eines Tages der Exit ansteht, ist klar – das gehört zum Geschäftsmodell der Private-Equity-Firmen. Da ist es kein Fehler, einen Topmanager an Bord zu haben, der sich in dieser Welt auskennt, was auf Voncke ohne Zweifel zutrifft: Aktuell ist er als Advisor für KKR tätig, zuvor hatte er bei einer Beteiligung des US-Investors gearbeitet.

Hoodie trifft Anzug
Allerdings hat man bei Blau Direkt wohl schon vor einigen Monaten erkannt, dass bei einem Maklerpool ein wenig Assekuranz-Stallgeruch in der Chefetage nicht schaden kann: Im Juni gab das Unternehmen bekannt, Stephan Schinnenburg als Berater verpflichtet zu haben, im Oktober zieht er dann in die Geschäftsführung ein.

Auch diese Personalie ist interessant. Schinnenburg kann auf eine jahrzehntelange und in weiten Teilen erfolgreiche Karriere in der Versicherungsbranche verweisen. Sowohl bei der Ergo als auch bei der DFV Deutsche Familienversicherung eckte er aber an. Auf den ersten Blick passt Schinnenburg, der in der Branche als Vertriebler alter Schule gilt, nicht so wirklich in die hippe Backstein-Optik der Lübecker Blau-Direkt-Büros, in denen eher Hoodie als Anzug angesagt ist. So familiär wie unter Lars Drückhammer wird die Atmosphäre bei Blau Direkt wohl eher nicht wieder werden.

Wird es das neue Topmanagement schaffen, Blau Direkt trotz der ambitionierten Wachstumsvorgaben der Eigentümer mit der für das Maklerpoolgeschäft nötigen Ruhe, Klarheit und Konstanz zu führen? Der Belegschaft, den Maklern und nicht zuletzt den Produktgebern ist das zu wünschen. Garantiert ist es aber nicht.