Dass eine Regel unterschiedlich interpretiert werden kann, weiß jeder Fußballfan. Was als strafbares Handspiel zählt, lässt regelmäßig nicht nur Anhänger, Trainer und Spieler rätseln, sondern auch so manchen Schiedsrichter. Was den einen Unparteiischen sofort zum Elfmeterpunkt deuten lässt, ringt dem anderen nur ein müdes Lächeln ab.

Insofern wird es interessant sein, wie der Schiedsrichter unserer Branche – die Bafin – mit einer Regel umgehen wird, die im Finanzvertrieb noch mehr Fragezeichen hinterlässt als der Elfmeterpfiff beim Fußballfan: Seit August müssen Anlageberater die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kunden erheben, und da die Vorgaben aus Europa deutlich mehr Interpretationsspielraum lassen als die Handspielregel, fällt die Umsetzung von Bank zu Bank mitunter völlig unterschiedlich aus.

Manche Institute senden ihren Kunden schon vor der Beratung dicke Unterlagen zu, in denen es von Fachbegriffen aus der Taxonomie- und Offenlegungsverordnung nur so wimmelt. Andere vereinfachen die komplexe ESG-Regulierung in der Beratung so sehr, dass man ihnen auch zutrauen würde, eine Doktorarbeit zum Pixi-Buch umzuschreiben. Ersteres kann nicht zum Wohle des Anlegers sein, Zweiteres nicht im Sinne des Regulators.

Spannend wird es, wenn die Bafin eines Tages systematisch begutachtet, wie die Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen in der Praxis umgesetzt wird. Banken, die das Regelwerk allzu locker interpretieren, riskieren dann einen Elfmeterpfiff.