Auf den ersten Blick hat die Fondsbranche den Corona-Crash gut verdaut: Im ersten Halbjahr sammelten die Asset Manager in Deutschland netto rund 38 Milliarden Euro ein. Das ist fast genau so viel wie in den Vorjahren, wie die soeben veröffentlichten BVI-Zahlen zeigen (FONDS professionell ONLINE berichtete).

Doch wie kann es sein, dass die Privatanleger, die im März einen Jahrhundertcrash erleben mussten, ihren Fonds die Treue halten – anders als früher beim Platzen der New-Economy-Blase oder nach der Lehman-Pleite? Das hat mehrere Gründe. Erstens traf Corona nicht nur die Börse, sondern jeden persönlich: Wer um die Gesundheit seiner Familie bangt und nebenher Home Schooling und Homeoffice organisieren muss, räumt dem eigenen Wertpapierportfolio zunächst keine hohe Priorität ein.

Die Rezession wird ihre Spuren hinterlassen
Zweitens haben die vergangenen Crashs viele Anleger offensichtlich zu einer gewissen Gelassenheit erzogen. Das Mantra der Anlageberater, Aktien und Fonds doch bitte als langfristiges Investment anzusehen und sich nicht durch zwischenzeitliche Rückschläge verunsichern zu lassen, scheint zu fruchten. Die Tatsache, dass sich die Kurse so schnell wieder erholt haben, hat dabei sicherlich geholfen.

Hinzu kommt, dass die Rettungspolitik der Staaten und Notenbanken die Zinsen auf Dauer bei null festnagelt. Für die Asset Manager ist das eine gute Nachricht: Ihre Produkte, also Fonds, werden für den Vermögensaufbau immer konkurrenzloser.

Dennoch ist es zu früh, Entwarnung für die Fondsbranche auszurufen, denn die Börse ist der wirtschaftlichen Entwicklung weit davongeeilt. Wir durchleben eine heftige Rezession, die ihre Spuren hinterlassen wird. Ganze Branchen stehen vor gewaltigen Umbrüchen. Viele Insolvenzen sind nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Wer den Job verloren hat, in Kurzarbeit ist oder Probleme bei der Finanzierung seiner Immobilie bekommt, wird seine Fondsinvestments über kurz oder lang in Frage stellen.

Die Flucht in Sachwerte aller Art ist kein gutes Zeichen
Vielleicht gibt es aber noch einen weiteren Grund, warum die Preise für Aktien und andere Vermögenswerte trotz der schlechten Aussichten munter weiter klettern. Bei vielen Investoren mag mittlerweile die Einsicht reifen, dass die billionenschweren Rettungspakete zwar kurzfristig die Wirtschaft stützen, die ohnehin labilen Staatsfinanzen langfristig aber endgültig überfordern werden.

Der hohe Goldpreis zeugt davon, dass offensichtlich mehr und mehr Menschen das Vertrauen in das Finanzsystem verlieren, und es gibt gute Gründe für die Annahme, dass solide geführte Unternehmen die Corona-Pandemie besser meistern werden als der Euro. Vielleicht hat die Flucht in Sachwerte aller Art tatsächlich schon begonnen. Davon würde wohl auch die Asset-Management-Branche profitieren. Doch die Kollateralschäden eines solchen Kollaps' wären gigantisch. Hoffen wir also, dass uns dieses Szenario erspart bleibt.