Erik Podzuweit war es, der sich als erster aus der Deckung wagte, schön breitenwirksam via "Bild"-Zeitung. Zwar hatten schon viele Fondshäuser und Versicherer angekündigt, ihren Kunden pünktlich zum Jahreswechsel Altersvorsorgedepots nach den neuen Regeln anbieten zu wollen, konkrete Konditionen verrieten sie aber nicht. Mitte August preschte Podzuweit nun vor: Sein Unternehmen Scalable Capital wird das Standardprodukt gewissermaßen kostenlos offerieren. Für die Kunden sollen nur die Gebühren der dahinterliegenden ETFs anfallen, die der Firmengründer auf maximal 0,15 Prozent im Jahr beziffert.

Und damit nicht genug: Vor wenigen Tagen legten der Online-Vermögensverwalter Quirion und der ETF-Gigant Vanguard nach mit einem kostenlosen Vertrag und Indexfonds, die sich mit 0,07 bis 0,08 Prozent im Jahr begnügen. Spätestens jetzt ist klar: Der Kampf ums Altersvorsorgedepot wird über den Preis geführt – und der "alten" Branche droht der Knock-out.

Erst die Kunden, dann das Geschäft – so die Hoffnung
Zur Erinnerung: Der Gesetzgeber erlaubt für das Standardprodukt laufende Kosten von bis zu einem Prozent. Das hatte in großen Teilen der Branche für einen Aufschrei gesorgt. Mit derart niedrigen Gebühren ließe sich kein vernünftiges Produkt konstruieren geschweige denn die so dringend nötige Kundenberatung finanzieren, hieß es. Entsprechend heftig bringt Podzuweits Wirkungstreffer die etablierten Spieler ins Wanken, sie sehen ihre ohnehin schon niedrige Marge beim Altersvorsorgedepot vollends schwinden.

Das Kalkül der Neobanken und Digitalplattformen ist klar: Sie möchten mit ihren preislich höchst attraktiven Altersvorsorgedepots sehr schnell sehr viele Kunden gewinnen. Die Kosten für Verträge, Depots und die nötigen Prozesse im Hintergrund werden gedanklich als Marketingausgaben verbucht. Damit löst das Altersvorsorgedepot gewissermaßen den kostenlosen ETF-Sparplan ab, nach dem Motto: Hauptsache, der Kunde ist mal bei mir, das Geschäft mache ich später mit anderen Produkten. Das ist eine völlig andere Denke als die der etablierten Häuser und ihrer Vertriebe, die verständlicherweise das Ziel verfolgen, mit den neuen Vorsorgeverträgen zumindest ihre Kosten zu decken.

Geht das Kalkül der Billiganbieter wirklich auf?
Für viele Anleger ist dieser Preiskampf ein Segen, denn jeder Basispunkt weniger Kosten erhöht ihre potenzielle Rendite. Für manche dürfte er aber zum Fluch werden. Wer sich nur wegen der niedrigen Kosten vorschnell in einen neuen Vertrag locken lässt, zahlt womöglich deutlich drauf. In vielen Fällen gilt es abzuwägen, ob es nicht sinnvoller ist, die vorhandene Riester-Police weiterzuführen. Spätestens, wenn es um die Details geht, sind Selbstentscheider überfragt. Welche Option ist beispielsweise für mittelbar Zulagenberechtigte die sinnvollste? Ob die KI-Tools der Billiganbieter den Interessenten die wirklich relevanten Fragen stellen und korrekte Antworten geben werden? Das ist zwar zu hoffen, leider aber keinesfalls garantiert.

Ob das Kalkül der Digitalanbieter letztlich aufgeht, ist ohnehin offen. Anleger, die mit kostenlosen ETF-Sparplänen angefüttert wurden, lassen sich wahrscheinlich recht erfolgreich davon überzeugen, es doch mal mit ein wenig Trading auszuprobieren (mit dem der Broker dann endlich Geld verdient). Beim Altersvorsorgedepot ist das nicht so einfach, anders als beim ETF-Sparplan ist das Geld ja wirklich langfristig gebunden. Gut möglich auch, dass die neuen Anbieter so manches Thema unterschätzen, das nach außen keine Rolle spielt, nach innen aber viele Ressourcen frisst: Zertifizierung, Zulagenmanagement und Depotüberwachung benötigen nun mal andere Prozesse als das Abwickeln eines ETF-Sparplans. Und was, wenn plötzlich ein Kunde anruft und seinen Vertrag nach einer Scheidung aufgeteilt haben möchte? Vielleicht reift spätestens dann bei einigen Neobrokern die Erkenntnis, dass es doch nicht so smart war, eine aufwendige Dienstleistung dauerhaft kostenlos anzubieten.