Wer die diversen Studien zu Mifid II liest, stellt sich unweigerlich die Frage: Können die Banken die EU-Finanzmarktrichtlinie nicht sauber umsetzen – oder wollen sie nicht? Die Frage nach dem fehlenden Können drängt sich nach der Lektüre einer im Mai veröffentlichten Marktuntersuchung der Bafin auf, für die die Aufseher Geschäftsvorfälle von 40 Kreditinstituten kontrolliert haben. Insbesondere bei der Geeignetheitserklärung liegt demnach vieles im Argen: In der Bafin-Stichprobe waren 88,7 Prozent dieser Dokumente mangelhaft (FONDS professionell ONLINE berichtete).

Der Gesetzgeber fordert, dass Banken die Vorgaben der Kunden vollständig mit den Eigenschaften der empfohlenen Produkte abgleichen, etwa mit Blick auf Anlagedauer, Risikobereitschaft und Verlusttragfähigkeit. Doch genau das blieb bei jedem zweiten Wertpapiergeschäft aus, und bei fast 40 Prozent beschränkten sich die Erklärungen auf "unspezifische Standardformulierungen", wie die Bafin bemängelt. Statt "formelhafter Bekundungen ohne zusätzlichen Informationsgehalt" fordert sie einen "qualitativen Abgleich". Das darf durchaus als Ohrfeige verstanden werden – und als Warnung, deutlich nachzubessern. Den Aufsehern stößt ein weiterer Punkt sauer auf: Die Vorgabe, Kunden bei Depotumschichtungen eine Kosten-Nutzen-Analyse vorzulegen, wird von fast 60 Prozent der Institute schlicht ignoriert.

Riskante Nachlässigkeit
Da stellt sich schon die Frage, ob die Banken wirklich nicht können – oder ob sie nicht wollen. Erinnert sei an dieser Stelle an die im März veröffentlichte Studie der Ruhr-Universität Bochum, die im Auftrag des Bankendachverbands Deutsche Kreditwirtschaft (DK) Institute und Kunden zur Anlageberatung unter Mifid II befragte. Die Studie soll Argumente liefern, warum das monströse Regelwerk schnellstmöglich überarbeitet werden muss. Das gelingt, denn das Ergebnis ist eindeutig: Sowohl Berater als auch Kunden klagen über die verwirrende Informationsflut, langwierige Aufklärungsgespräche und die ausufernde Dokumentation (FONDS professionell ONLINE berichtete). Würde es den Banken dennoch problemlos gelingen, alle Vorgaben eins zu eins umzusetzen, wären ihre Beschwerden über Mifid II nur halb so glaubwürdig.

Natürlich wirft niemand den Instituten vor, aus diesem Kalkül heraus absichtlich Vorschriften zu missachten. Doch die Vermutung liegt nahe, dass sie sich an mancher Stelle keine besondere Mühe mit dem ungeliebten Regelwerk geben. Das ist eine durchaus riskante Nachlässigkeit. Denn nach der nächsten Marktuntersuchung dürfte es die Bafin kaum bei einer Ohrfeige belassen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die jüngst veröffentlichte Verbraucherumfrage der Bafin, nach der die Anleger deutlich wohlwollender über Mifid II urteilen, als das die DK-Studie suggeriert. Schon die Tatsache, dass die Behörde diese eigene Erhebung beauftragt hat, zeigt, dass sie die Aussagen der Lobby keineswegs ungeprüft übernehmen wird. Auch das sollten die Banken als durchaus ernstzunehmende Warnung begreifen.


Einen ausführlichen Artikel über die Punkte, die Berater und Banken an der Mifid-II-Richtlinie bemängeln, lesen Sie in FONDS professionell 2/2019 ab Seite 334. Angemeldete FONDS professionell KLUB-Mitglieder können den Beitrag auch hier im E-Magazin lesen.