"Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?" lautet der Titel eines Buchs des deutschen Philosophen und Publizisten Richard David Precht. "Wer bin ich – und wo gehöre ich hin?", dürfte sich derzeit so mancher deutsche Wertpapierdienstleister fragen. Denn am 26. Juni ist das Wertpapierinstitutsgesetz (WpIG) in Kraft getreten. Das Regelwerk bringt zwar Erleichterungen mit sich, stiftet erst einmal aber Verwirrung.

Das WpIG überführt die EU-Richtlinie 2019/2034 über die Beaufsichtigung von Wertpapierfirmen (Investment Firms Directive, IFD) in deutsches Recht. Damit erhalten Wertpapierdienstleister einen eigenen Rechtsrahmen, der sie weniger streng reguliert als Kreditinstitute. Denn genau dieses Ziel verfolgt der europäische Gesetzgeber mit der IFD. Flankiert wird das neue Gesetz durch die EU-Verordnung 2019/2033 über die Aufsichtsanforderungen an Wertpapierfirmen (Investment Firms Regulation, IFR), die in allen EU-Staaten unmittelbar gilt.

Drei Größenklassen
Das von der Europäischen Union gewünschte "Mehr" an Proportionalität zeigt sich schon daran, dass Wertpapierdienstleister nun in große, mittlere und kleine Wertpapierfirmen unterteilt werden. Für die drei Kategorien gelten unterschiedlich strenge Anforderungen, etwa mit Blick auf das Anfangskapital, das vorzuhaltende Eigenkapital oder die Liquidität. Grundsätzlich ist das eine gute Idee. Das Problem ist allerdings, dass Unternehmen erst einmal herausfinden müssen, ob sie überhaupt eine Wertpapierfirma im Sinne der neuen Regelungen sind – und wenn ja, in welche Größenkategorie sie sich einzuordnen haben. 

Immerhin: Nach Einschätzung des Gesetzgebers sind große Wertpapierfirmen in Deutschland gar nicht vertreten. Die Vorschriften für solche Unternehmen laufen hierzulande daher komplett ins Leere. Von den im WpIG genannten rund 720 mittleren und kleinen Wertpapierinstituten ordnet der Gesetzgeber maximal 70 der mittleren Größenkategorie zu. Die übrigen sind als kleine Wertpapierfirmen einzustufen. In diese Kategorie dürften die meisten unabhängigen Vermögensverwalter und Haftungsdächer fallen. 

Kompliziertes Unterfangen
Damit bietet das WpIG zwar eine grobe Orientierung. Im Einzelfall ist es für eine Wertpapierfirma aber ein kompliziertes Unterfangen, sich in eine Größenkategorie richtig einzusortieren. Schließlich gibt es neben der Bilanzsumme und der Frage nach der Verflochtenheit mit anderen Finanzmarktteilnehmern zahlreiche weitere Vorgaben, die zu einer Einstufung als mittleres oder kleines Institut führen. 

Ist dieser Schritt einmal bewerkstelligt, gilt es, sich durch die neuen Paragrafen zu kämpfen. Denn nur wer versteht, welche Erleichterungen für das eigene Unternehmen eigentlich vorgesehen sind, kann von diesen auch profitieren. Ohne fachlichen Beistand wird es jedoch kaum möglich sein, die höchstkomplexen Vorgaben erfolgreich auf mögliche Lockerungen zu durchforsten. Daher wird wohl so manche Wertpapierfirma einen Teil der Summe, die sie etwa beim Eigenkapital einsparen kann, erst einmal für einen Rechtsberater ausgeben müssen, der für das Unternehmen dann die Frage klärt: "Wer bin ich – und was darf ich jetzt eigentlich tun?"


Einen ausführlichen Bericht über das Wertpapierinstitutsgesetz finden Sie in FONDS professionell 2/2021 ab Seite 412. Angemeldete Nutzer können den Artikel auch hier im E-Magazin lesen.