Es ist Frühling auf dem Frankfurter Lohrberg. Durch den Park und die kleine Schrebergartenkolonie geht es zur Lohrberg-Schänke. Die Tische vor dem rustikalen Ausflugslokal sind gut besetzt, doch einer ist noch frei. "Hallo!" Ein Fahrrad stoppt neben dem schattigen Platz. Blaue Jacke, weißes Hemd, Jeans und Turnschuhe – so steigt er vom Rad, schließt es ab, kommt um den Tisch herum und streckt die Hand zur Begrüßung aus. "Marcus Stahlhacke, guten Tag!" Der Frühlingsspaziergang kann losgehen.

Marcus Stahlhacke ist einer der wenigen "echten Frankfurter", die im Portfoliomanagement bei Allianz Global Investors (AGI) tätig sind. Seine Karriere als Fondsmanager startete er 1996 beim Deutschen Investment Trust (DIT), der mit der Übernahme der Dresdner Bank 2002 in den Versicherungskonzern Allianz überging und 2007 auf dessen neue Kapitalverwaltungsgesellschaft AGI verschmolzen wurde. 

Verantwortlich für 30 Mischfonds oder Fondsfamilien
Als Stahlhacke sein Trainee-Programm beim DIT absolvierte, war der Kapital Plus gerade einmal zwei Jahre alt. Heute zählt der Mischfonds, der ein ungewöhnliches Anlagekonzept verfolgt, zu den Sondervermögen, die Stahlhacke verantwortet. Im Privatkundengeschäft von AGI leitet er den Bereich Retail Active Allocation Multi-Asset Europa, ist hier für etwa 30 aktiv gemanagte Mischfonds oder Fondsfamilien zuständig, die in Summe rund 35 Milliarden Euro verwalten. 

Wann hat der heutige Multi-Asset-Profi eigentlich seine Leidenschaft für die Kapitalmärkte entdeckt? Während des Studiums hätten Vorlesungen und Seminare zu Kapitalmarkttheorien sein Interesse geweckt, berichtet Stahlhacke. "Akademisch gewachsen", nennt er es. Als Jugendlicher hingegen fesselte ihn ein ganz anderes Thema – die Philosophie.

Faible für Philosophie
Marcus Stahlhacke kommt am 10. Januar 1964 in Frankfurt am Main zur Welt und wächst im nahe gelegenen Städtchen Neu-Isenburg auf. Als er etwa 16 Jahre alt ist, erwacht sein Interesse an der Philosophie. Nach dem Abitur im Jahr 1983 schreibt er sich an der Universität Frankfurt daher auch für diesen Studiengang ein, außerdem für Volkswirtschaftslehre. Später entdeckt er das Thema Finance, also die Kapitalmarkttheorie, für sich. Im Hauptstudium entscheidet sich Stahlhacke, die Philosophie doch zum Hobby werden zu lassen. Er absolviert ein Praktikum im Portfoliomanagement bei der DWS, beendet sein Studium 1989 als Diplom-Volkswirt und legt zwei Jahre später das BWL-Diplom nach.

"Ich würde sagen, es war während des Praktikums, als ich zum ersten Mal dachte, Portfoliomanager könnte schon etwas für mich sein", erzählt der sportliche Multi-Asset-Experte. Sport ist dem Fondsprofi wichtig. Das Management von Multi-Asset-Fonds vergleicht er mit einem Zehnkampf. "Wenn ein Manager einen solchen Fonds allein betreut, muss er in allen Disziplinen antreten", sagt er. "Wir managen unsere Fonds hingegen in Teams, so kann jede Einheit ihre ganz eigenen Stärken einbringen", erklärt er. Und Stahlhacke selbst agiert als Team-Coach.

Mischfonds mit Tradition
Das gilt auch beim Management des Mischfonds Kapital Plus. "Als der Fonds 1994 aufgelegt wurde, war die Idee, einen europäischen Mischfonds im Sortiment zu haben, was damals noch nicht die Regel war", erklärt Stahlhacke. Die Grundstruktur von 70 Prozent Renten und 30 Prozent Aktien wurde bis heute beibehalten. "Das Charakteristische ist, dass wir das Portfolio monatlich immer wieder auf diesen 70/30-Mix zurückfahren", so Stahlhacke. 

Weil seine Teams Papiere in der Assetklasse nachkaufen, die zuvor verloren hat, und dort verkaufen, wo Gewinne realisiert werden können, ergibt sich eine Art Cost-Average-Effekt. Taktische Entscheidungen trifft der Fondsmanager selbst. Die Auswahl der Einzeltitel jedoch überlässt Stahlhacke den jeweiligen Expertenteams. Genau das meint er, wenn er von einem "Multi-Asset-Zehnkampf" spricht.

Einbruch seit Jahresbeginn
Über eine Dekade hinweg bescherte der Kapital Plus seinen Anlegern auch eine jährliche Rendite von rund 3,6 Prozent. Seit Jahresbeginn ist die Performance allerdings um 16,5 Prozent eingebrochen. Grund dafür sind nicht nur die aktuellen Entwicklungen an den Rentenmärkten aufgrund der Zinserhöhungen durch die Notenbanken. Auch das Engagement in europäische Wachstumsaktien, die in den vergangenen Monaten herbe Verluste zu verzeichnen hatten, ist dem Kapital Plus jüngst zum Verhängnis geworden.

Die Mai-Sonne steht schon tiefer über dem Lohrberg. Was ist eigentlich aus Stahlhackes früherer Leidenschaft, der Philosophie, geworden? "Mit Philosophie beschäftige ich mich immer noch sehr gern", sagt er. Sie spielt auch in seine berufliche Tätigkeit hinein. Ein Denken in Wahrscheinlichkeiten liege ihm quasi im Blut, erklärt er. Beim Managen von Fonds sollten Entscheidungen natürlich auf Basis der höchstmöglichen Wahrscheinlichkeit gefällt werden. Trifft diese jedoch nicht ein, sei es wichtig, einen Entschluss zu analysieren und zu lernen. "Aber ich sehe so etwas nicht als Fehler an – nicht, wenn eine ­Entscheidung mit hoher Expertise und wohlbedacht getroffen wurde", sagt er. 

Das Treffen auf dem Lohrberg nähert sich langsam dem Ende, doch eine Frage muss noch sein: Welche Eigenschaften braucht ein starker Manager eines Multi-Asset-Fonds? "Neben vorausschauendem Denken und Entscheidungskompetenz wohl vor allem Team Spirit, denn gerade im Multi-Asset-Bereich ist Arbeitsteilung ein großes Plus", sagt Marcus Stahlhacke. Dann schließt er sein Fahrrad auf, sagt "Auf Wiedersehen" und radelt davon. (am)


Das vollständige Porträt von Marcus Stahlhacke finden Sie in der aktuellen Heftausgabe 2/2022 von FONDS professionell ab Seite 160. Angemeldete Nutzer können den Beitrag auch hier im E-Magazin lesen.