Anleger müssen bei Entscheidungen immer mehr die politischen Dimensionen der Assets berücksichtigen. Das gilt in erster Linie sicherlich für Investments in den USA, sodass sie nach Alternativen schauen – etwa in Europa. Was aber spricht für europäische Werte? FONDS professionell ONLINE fragte Mark Schumann, der seit 2025 bei der französischen Investmentboutique Comgest mitverantwortlich ist für den Comgest Growth Europe und den Comgest Growth Europe ex UK.


Herr Schumann, der Kurs der US-amerikanischen Regierung unter Präsident Donald Trump führt immer öfter zu politischen Spannungen, die auch die Wirtschaft in Europa treffen. Stichpunkte sind natürlich der Iran-Krieg, aber auch etwa die Zölle und die Diskussionen um die Unabhängigkeit der Fed. Was spricht daher langfristig noch für US-Aktien – und was bedeutet das für europäische Werte?

Mark Schumann: Das ist eine umfassende Frage, aber ich versuche mal eine Einordnung, obwohl ich einen europäischen und keinen globalen Aktienfonds manage und mich daher im Kosmos Europa bewege. Die Ausgangsbasis ist, dass der US-Markt in den vergangenen zehn bis 15 Jahren sehr viel besser als andere Märkte performte. Die Treiber sind bekannt, insbesondere das Wachstum der sieben großen Technologiewerte. Gegen den US-Markt spricht nun, dass er sich durch diese wenigen Unternehmen hyperbolisch entwickelte und die Konzentration sehr hoch ist. Das sieht man auch am Gewicht von 70 Prozent, den die USA im MSCI World haben. Außerdem hat der US-Markt eine extrem hohe Bewertungsprämie – verglichen mit Europa und dem Rest der Welt.

Hört sich gut an für Europa.

Schumann: In der Tat, wenngleich man differenzieren muss, weil Europa ein sehr heterogenes Universum ist. Eine Reihe an Punkten spricht aber allgemein für europäische Aktien: Viele globale institutionelle Investoren wie der norwegische Pensionsfonds stellen sich die Frage, ob eine starke Konzentration der USA in ihren Portfolios auf Dauer ein Risiko ist. Die Unsicherheit bezieht sich auch auf die Rentenmärkte. Fühlt man sich wohl damit, so viele Assets in den USA und in US-Dollar zu haben? Dazu kommt, dass man am europäischen Aktienmarkt wieder Gewinnwachstum sieht.

Seit wann?

Schumann: Von 2010 bis 2020 gab es am europäischen Aktienmarkt fast kein Gewinnwachstum in der Breite. Einzelne Bereiche, Sektoren und vor allem auch Unternehmen konnten ihre Gewinne natürlich steigern, aber in der Breite haben Banken und der Finanzsektor, die teilweise sogar Geld verloren haben, alles wieder nach unten gezogen, sodass wir im Prinzip eine Null hatten. Seit 2021 sehen wir trotz des russischen Einmarsches in die Ukraine, dass sich auf der Gewinnseite etwas bewegt, weil der Finanzsektor, der immer noch der größte im europäischen Markt ist, und vor allem die Banken von der Veränderung der Zinsstrukturkurve profitieren. Dazu kommen die Bewertungen. Sie sind zwar wie gesagt niedriger als in den USA, wir sehen jetzt aber auch im europäischen Markt eine Steigerung der Bewertungen. Lange Jahre lagen die Multiples bei zwölf oder 13, mittlerweile sind wir bei über 16. Das hat mehrere Faktoren. Die Banken haben einen Teil beigetragen, aber auch Industrieunternehmen und da vor allem jene aus dem Rüstungsbereich.

Welche Folgen haben die US-Zölle?

Schumann: Hier muss man genau hinschauen. Viele Unternehmen, die in Europa domiziliert sind, sind global aufgestellt und haben über die Jahre auch ihre Produktion zunehmend in die Absatzmärkte verlagert. Es sind nicht alle Mittelständler, die in Europa produzieren und in die USA exportieren. BMW etwa hat sein größtes Werk in Spartanburg im US-Bundesstaat South Carolina stehen. Die sind einer der größten US-Autobauer, obwohl es natürlich eine deutsche Firma ist. Daher haben die Zölle sicher Auswirkungen, die aber nicht so stark sind, wie man das intuitiv vermuten würde. Entscheidender als die US- Zölle und politische Unsicherheiten wird ohnehin sein, wie sich Europa, abgesehen von der reinen Allokation und der Risikoerwägung, als Markt im globalen Kontext weiterentwickeln kann.

Was meinen Sie?

Schumann: Ein Beispiel: Das Thema künstliche Intelligenz wurde bisher immer stark mit Blick auf die USA betrachtet, weil Nvidia sowie die ganzen Hyperscaler dort ansässig sind, die das Thema sehr vorantreiben. Wir bei Comgest sehen aber gerade in Europa einige, wie wir sie nennen, Schaufelhersteller für den Goldrausch.

Schaufelhersteller?

Schumann: Mit Schaufelhersteller meinen wir Unternehmen, die die Datenzentren und damit die Infrastruktur für KI-Anwendungen bauen. Das Thema ist aus unserer Sicht für Europa auch interessant, weil die Arbeitsproduktivität hier im Vergleich zu den USA niedriger ist, unter anderem wegen der strengeren Arbeitnehmergesetze. Gerade für europäische Unternehmen, die arbeitsintensive Prozesse haben, ist das ein Wettbewerbsnachteil. KI ist daher ein potenzieller Quantensprung für Firmen, die das clever einzusetzen verstehen, um die Arbeitsproduktivität zu verbessern – und somit auch eine Chance für Anleger.

Haben Sie ein Beispiel für solche Schaufelhersteller und für Anwender?

Schumann: Dazu gehören etwa Schneider Electric, die im Prinzip die ganze elektronische Ausstattung für die Datenzentren herstellen, oder ASML aus den Niederlanden, der weltweit größte Anbieter von Lithographiesystemen, die eine wichtige Rolle bei der Herstellung von integrierten Schaltkreisen und damit Chips für Computer spielen. Ein Beispiel für einen Anwender ist Relx. Vereinfacht ausgedrückt sammeln sie Daten, bereiten sie auf und stellen sie zur Verfügung. Vor allem im Bereich Versicherung. 90 Prozent aller Versicherer in Nordamerika arbeiten mit denen zusammen, weil sie Daten wie die Berufsgeschichte und die Kreditwürdigkeit erheben, sodass Versicherer Kunden dann mithilfe von KI in Echtzeit eine Prämie nennen können.

Kommen wir zu Comgest: Ihr Ansatz ist, Wachstumsunternehmen ausfindig zu machen, die einen wirtschaftlichen Burggraben in Bezug auf ihre Marke, ihre Innovationskraft und ihren Kundenstamm haben, den andere nur sehr schwer überwinden können. Wie reagieren Sie nun auf die ganzen politischen Umwälzungen? Berücksichtigen Sie diese oder ignorieren Sie sie?

Schumann: Wir schmeißen kein Portfolio über Nacht um. Änderungen sind eher evolutionär und nicht revolutionär. Wir schauen, was eigentlich das Gewinnwachstum in Europa treibt. Dazu gehört die KI, das hatten wir gerade. Ein anderer sehr wichtiger Bereich ist Rüstung und Verteidigung. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine haben alle verstanden, dass es die Bundeswehr braucht, die aber Ausrüstung und Technologie benötigt. Ich bette das ganze Thema Verteidigung in einen weiteren Kontext.

Was meinen Sie?

Schumann: Mario Draghi hat schon Ende 2024 in einem Artikel die strategische Autonomie beschrieben, wozu auch die technologische Autonomie zählt, eingeschlossen der Medizinbereich. Daher sind Unternehmen, die in diesem Bereich tätig sind, langfristig interessant sowie alle Firmen, deren Produkte oder Services helfen, Abhängigkeiten Europas von anderen Märkten, nicht nur den USA, sondern auch China und Indien, in wichtigen Bereichen zu lösen. Denken Sie nur daran, was passiert, wenn uns Inder und Chinesen nicht mehr die Wirkstoffe zur Verfügung stellen, die wir in Medikamenten brauchen. Oder was passiert, wenn wir auf die ganzen Cloud-Lösungen aus den USA nicht mehr zurückgreifen können. Daraus ergeben sich Opportunitäten.

Wir danken für das Gespräch. (jb)