Diversifiziert KI das Depot? Fondsselektor und -manager geben Antwort
Ohne Risiko ist die Geldanlage nie, aber gerade scheinen sich die Gefahren für das Portfolio zu kumulieren. Kein Wunder, dass Finanzmarktkenner allenthalben zur breiten Streuung raten. Kann künstliche Intelligenz dazu einen Beitrag leisten? FONDS professionell ONLINE hat sich umgehört.
KI-gesteuerte Anlagestrategien können dabei helfen, die Risiken in einem Portfolio besser zu streuen. Davon sind Alexander Tare, Chefinvestmentstratege und Berater beim Finum Finanzhaus in München, und Michael Günther, Portfoliomanager beim Frankfurter Vermögensverwalter Tungsten Trycon, überzeugt.
Tare verweist in diesem Zusammenhang auf die enorm hohe Konzentration auf wenige Titel in wichtigen Indizes wie dem S&P 500 oder dem MSCI World. "Wir haben es am globalen Aktienmarkt praktisch seit Jahren mit einer permanenten Blase zu tun", betont Tare auf Anfrage von FONDS professionell ONLINE. "Nie zuvor war so viel Kapital in so wenigen Blue Chips investiert." Schon daher müssten sich Anleger und Vermögensverwalter umso intensiver mit dem Thema Diversifikation beschäftigen. Als Risiko nennt der Fondsselektor neben der Gefahr eines Platzens dieser Blase unter anderem auch die immense US-Staatsverschuldung mit einer jährlichen Netto-Zinslast von fast einer Billion US-Dollar.
"Emotionsfreie, datengetriebene Logik"
Beim Thema Diversifikation sind für ihn aktuell drei Punkte ausschlaggebend. Er achtet erstens auf einen ausreichend hohen Anteil aktiv gemanagter Fonds im Portfolio. Zweitens setzt er auch auf "non-lineare" Strategien, also Anlagekonzepte, die nicht proportional auf Bewegungen am Aktien- oder Rentenmarkt reagieren. Drittens gelte es, insoweit "zukunftssicher" aufgestellt zu sein, dass der "paradigmatische geopolitische Shift", der gerade stattfinde, frühzeitig berücksichtigt werde: "Zyklen werden künftig nicht mehr vornehmlich aus den USA, der dortigen Politik oder der Fed bestimmt. Andere Regionen werden die Kapitalströme vermehrt prägen", ist Tare überzeugt.
KI im Portfoliomanagement könne vor diesem Hintergrund einen Mehrwert bieten, meint Tare. "Ich sehe erhebliche Potenziale im Einsatz künstlicher Intelligenz in der Geldanlage, aber nicht als Selbstzweck im Sinne von 'Wir müssen auf Biegen und Brechen KI im Portfolio unterbringen!'". Für ihn als Investor kämen Beimischungen mit entsprechendem Track Record in Frage, die Schutz vor Klumpenrisiken versprechen und mit denen sich auf Gesamtportfolioebene langfristig eine risikoadjustierte Überrendite erzielen ließe. Dafür setzt Tare in Kundenportfolios gerne mehrere diversifizierende Strategien parallel ein. "Ein KI-gesteuerter Fonds kann sich durch seine emotionsfreie, datengetriebene Logik dafür qualifizieren", erläutert er.
Die Wirkung der Dekorrelation lässt sich messen
Michael Günther, der bei Tungsten Trycon auf eine selbstentwickelte KI im Portfoliomanagement baut, pflichtet Tare bei. Künstliche Intelligenz könne täglich Millionen Daten aggregieren und durch eine Vielzahl von KI- und Machine-Learning-Algorithmen auswerten – und so auch nicht-lineare Muster erkennen. "Der Vorteil: Handelssignale, Titelselektion und Portfoliogewichtungen sind andere als bei traditionellen Managern", so Günther. "Sie können KI gezielt als Werkzeug zur Diversifikation und Dekorrelation gegenüber den traditionellen Anlageklassen Aktien und Anleihen einsetzen", ist er überzeugt. Er selbst managt unter anderem den Long-Short-Fonds Tungsten Trycon AI Global Markets, der als ältester hierzulande zugelassener KI-Publikumsfonds gilt.
"KI arbeitet, anders als die meisten diskretionären Ansätze, die häufig von subjektiven Einschätzungen beeinflusst sind, nicht mit Hypothesen", erläutert Günther. "Der KI lassen sich gezielt Aufgaben zuordnen, um die Unabhängigkeit gegenüber Core-Investments zu adressieren." Die Wirkung dieser Dekorrelation lasse sich anhand der Effekte auf die Sharpe Ratio im Gesamtportfolio sowie anhand der Reduzierung von Volatilität und der Stabilisierung bei Kursrückschlägen messen.
Den Menschen braucht es auch in Zukunft noch
Obwohl die KI große Fortschritte mache, werde es den Menschen mit Blick auf das Portfoliomanagement auch in fünf Jahren noch brauchen, ist Günther überzeugt. "Aus unserer Sicht wird der Mensch aufgrund seiner kognitiven Fähigkeiten absehbar weiterhin eine wichtige Rolle im Fondsmanagement bekleiden", sagt er. "Er ist derjenige, der systematische Regeln für die Handelsmodelle und den Risikorahmen definiert." Auch als Controller bleibe er eine wichtige Instanz. "Bei der Datenanalyse und der Mustererkennung wird die Bedeutung maschineller Intelligenz als ergänzender oder sogar eigenständiger Part aber exponentiell zunehmen", so Günther. (bm)















