Auch wenn 2020 – nicht nur für die Branche der passiven Investments – bisher ein hartes Jahr war, scheint die europäische ETF-Branche in guter Verfassung zu sein. Zu diesem Schluss kommt Detlef Glow, Head of EMEA Research bei Refinitiv Lipper. Das europaweit verwaltete Vermögen sei immerhin von 870 Milliarden Euro zum 31. Dezember 2019 auf 874 Milliarden Euro Ende Oktober 2020 gestiegen. "Ein Anstieg des verwalteten Vermögens um 4,3 Milliarden Euro, was einem Plus von lediglich 0,5 Prozent entspricht, mag für eine Wachstumsbranche gering erscheinen", so Glow. Doch die Kräfteverhältnisse verschieben sich unter der Oberfläche eindeutig zugunsten der passiven Player, wie jüngst auch die Beobachter von Morningstar festgestellt haben.

Dennoch sei es eine Überraschung, dass 2020 das Potenzial habe, zum Jahr mit der höchsten Zahl von ETF-Schließungen seit dem Startschuss der europäischen ETF-Industrie im Jahr 2000 zu werden. Hierfür allerdings hat Glow eine ganz simple Erklärung parat: "Aus meiner Sicht steht die hohe Zahl der ETF-Schließungen in Europa im Einklang mit einer hohen Startaktivität. Da nicht alle neuen Produkte am Ende die Erwartungen der Anleger und der Anbieter erfüllen, werden sie eben nach einer gewissen Schonfrist geschlossen."

Quelle: Refintiv

Branche mistet aus
"Im aktuellen Marktumfeld durchforsten viele Anbieter ihr Sortiment. Schließlich sind die Margen und damit die Gesamtgewinne in der Vermögensverwaltungsbranche aus verschiedenen internen und externen Gründen unter Druck", ergänzt Glow. Ein noch profanerer Grund für die Häufung von Produktschließungen sind Zusammenschlüsse auf Anbieterseite: So habe zum Beispiel die Fusion aus Lyxor ETF und Comstage zu einer Konsolidierung der kombinierten Angebotspalette aufgrund von Produktüberschneidungen geführt.

Auch wenn es keine eindeutige Zahl gebe, um zu definieren, welche Höhe des verwalteten Vermögens ein ETF haben müsse, um profitabel zu sein, wird die "Sterbeliste" laut Glow allerdings eher länger als kürzer. Ein Mindestvolumen von 100 Millionen Euro scheint laut dem Refinitiv-Fachmann angemessen. So gerechnet sind 826 der 1.689 für den Verkauf in Europa registrierten ETF-Portfolios momentan auf der "sicheren Seite": Denn sie verfügen über ein verwaltetes Vermögen oberhalb dieser Mindestgrenze.

Was nichts taugt, fliegt? Irrtum!
Im Umkehrschluss bedeutet das nichts Geringeres, als dass 863 ETF-Portfolios (51,1 Prozent der verfügbaren Produkte) beim Vermögen unterhalb dieser Schwelle liegen - und somit auf die Abschussliste rücken. Doch es muss nicht immer gleich zur Schließung kommen.

Bei einigen der "Todeskandidaten" spreche marketingstrategisches Kalkül gegen nackte betriebswirtschaftliche Überlegungen: "Einige werden möglicherweise beibehalten, weil sie als 'One-Stop-Shop' für angeschlossene Vermögensverwalter fungieren." Außerdem würden manche Initiatoren selbst kleinstvolumige ETFs schlicht dazu nutzen, um ihre Präsenz auf den jeweiligen Märkten aufrechtzuerhalten.  (hh/ps)