Die Dividenden sind in Zeiten niedriger Zinsen für Anleger eine höchst willkommene Ertragsquelle. Neben Dividendenfonds setzen auch die Manager von Income-Strategien darauf. Eilten die Ausschüttungen der Konzerne bislang von Rekord zu Rekord, setzte die vom Coronavirus ausgelöste Pandemie dem Geldsegen ein jähes Ende. Jakob Tanzmeister, Client Portfoliomanager im Multi-Asset-Team von J.P. Morgan Asset Management, erläutert im Interview, wie sein Haus mit dem Ausfall umgeht.


Herr Tanzmeister, der Abschwung im Zuge der Covid-19-Pandemie führte dazu, dass Unternehmen reihenweise Dividenden aussetzen oder kürzen. Hat dies Auswirkungen auf Income-Strategien?

Jakob Tanzmeister: Eine Rezession mit einem Ausmaß, wie wir es seit 2008 nicht mehr gesehen haben, hat natürlich Auswirkungen auf die Dividenden. Hinzu kommt, dass Zentralbanken und Aufseher beispielsweise die Finanzinstitute in Europa aufgefordert haben, vorerst keine Dividenden auszuschütten. Diese sind für Income-Strategien, aber auch darüber hinaus eine wichtige Ertragsquelle. Die niedrigen Zinsen wiederum sind nunmehr für noch längere Zeit zementiert. Daher beobachten wir diese Entwicklung natürlich sehr genau.

Werden die Ausschüttungen bei Income-Strategien niedriger ausfallen?

Tanzmeister: Nein, nicht unbedingt. Es gibt Branchen und Segmente, die überproportional von der Pandemie betroffen sind. In der Gastronomie oder der Reisebranche gehen Umsätze unwiederbringlich verloren. Andere Bereiche sind aber nicht so stark oder gar nicht betroffen. Große Versicherer mit soliden Bilanzen etwa stehen gut kapitalisiert da und können hohe Dividendenrenditen abwerfen. Ebenso Unternehmen in der Gesundheitsbranche. Daher muss man sich in der Rezession mit den Details auseinandersetzen und genau Bilanz für Bilanz prüfen, welche Auswirkungen sich für die einzelnen Unternehmen ergeben. So kann es lohnen zu schauen, wo die Dividenden vielleicht nur aufgeschoben werden, oder wo es sogar Dividendenwachstum gibt

Dennoch: Fallen Dividenden als Teil von Income-Strategien vorerst aus?

Tanzmeister: Trotz des Umfangs und der Vielschichtigkeit der Krise kann ich mir nicht vorstellen, dass historische Muster aufgebrochen werden. Und die zeigen, dass Dividenden nicht so stark zurückgehen wie die Gewinne der Unternehmen. Die Dividenden in Europa fielen 2008 im Schnitt um zehn Prozent, während die Gewinne um fast dreißig Prozent zurückgingen. Auf der anderen Seite ist eine Konsequenz aus den Kursrückgängen, dass die Dividendenrenditen nun sogar besser erscheinen. Wichtig ist in Phasen wie jetzt, sehr selektiv zu sein. Dann eröffnen sich riesige Opportunitäten. Aber es lauern natürlich auch Risiken.


Wie weitere Manager von Dividenden- und Income-Fonds auf die sinkenden Ausschüttungen von Unternehmen reagieren, lesen Sie im neuen Heft 2/2020 von FONDS professionell. Angemeldete KLUB-Mitglieder finden den Artikel auch hier im E-Magazin.


Gewinnen andere Ertragsquelle an Bedeutung?

Tanzmeister: Staatsanleihen spielen weiterhin eine wichtige Rolle in diversifizierten Portfolios. Sie sind eine brauchbare Absicherung gegenüber Konjunkturrisiken. Wir werden aber auf absehbarer Zeit kein Marktumfeld erleben, in dem sich damit vier Prozent Rendite erzielen lässt. Und diesen Wert benötigt man, um langfristig Vermögen zu erhalten. Interessante Ertragschancen eröffneten sich eher in anderen Anlagen wie Hochzinsanleihen. Hier kam es in der Spitze zu Renditeaufschlägen von zehn Prozent. Dies stellt einen sehr hohen Puffer für die Konjunkturrisiken dar. Zuletzt haben wir auch wieder solide Unternehmensanleihen gekauft. Die extrem aggressiven Notenbanken mit ihren Stützungsmaßnahmen wirken hier stabilisierend. Sie wollen vermeiden, dass aus einer Liquiditäts-, eine Existenzkrise für Unternehmen erwächst. So schmerzhaft die letzten Monate waren, es eröffneten sich also Chancen, im Portfolio hohe Renditen festzuzurren.

Stehen die Zeichen auf eine weitere Erholung an den Märkten?

Tanzmeister: Man darf nicht vergessen, dass wir uns immer noch in einer Phase hoher Unsicherheit bewegen. Die Konjunkturerholung ist davon abhängig, wie deutlich die Neuinfektionen zurückgehen und wie nachhaltig Lockerungsmaßnahmen umgesetzt werden können. Auch wenn rund um den Globus gigantische Konjunkturpakete verabschiedet wurden, lässt sich noch nicht Entwarnung signalisieren. Es liegen noch einige Quartale mit schmerzhaften Gewinneinbußen vor uns – und das wird auch an den Kapitalmärkten weiterhin für Schwankungen sorgen. Auch wenn die Ampeln daher noch nicht uneingeschränkt auf grün stehen, so hat sich die Situation doch deutlich verbessert. Anleger sollten weiterhin selektiv sein aber dabei Chancen auch nicht aus den Augen verlieren.

Vielen Dank für das Gespräch. (ert)