"Nicht jede Firma, die als KI-Verlierer gilt, zählt wirklich dazu"
Andre Köttner verantwortet über 30 Milliarden Euro in mehreren Flaggschifffonds der DWS. Im Interview mit FONDS professionell ONLINE erklärt er, wie seine Investmentstrategie funktioniert, welche Unternehmen er bevorzugt – und wo er aktuell die besten Chancen sieht.
Andre Köttner ist bei der Investmenttochter der Deutschen Bank im Jahr 2013 in die Fußstapfen von Fondsmanager-Legende Klaus Kaldemorgen getreten. Von ihm hat er den DWS Vermögensbildungsfonds I und den DWS ESG Akkumula übernommen. Seit 2016 ist Köttner auch für den Aktienfonds DWS Invest II Global High Conviction verantwortlich. In den drei Fonds, die er und sein Team verwalten, ruhen mehr als 30 Milliarden Euro. Seinen Investmentansatz hat Köttner im Gespräch mit FONDS professionell in Frankfurt erläutert – und auch verraten, wo er aktuell Renditechancen erkennt.
Herr Köttner, zusätzlich zum DWS Vermögensbildungsfonds I und dem DWS ESG Akkumula managen Sie seit zehn Jahren auch den DWS Invest II Global High Conviction. Wofür steht der Begriff "High Conviction" eigentlich?
Andre Köttner: Der DWS Vermögensbildungsfonds I und der DWS ESG Akkumula investieren weltweit. Sie sind stark in der Altersvorsorge verankert, finden sich in vielen Fondspolicen. Daher sind diese Sondervermögen sehr breit diversifiziert. Wir haben immer zwischen 100 und 150 Titel im Portfolio. Institutionelle Investoren, etwa Pensionskassen, die das zu verwaltende Vermögen auf viele einzelne Fonds verteilen, möchten oft auch auf eine globale Strategie setzen, die aber konzentrierter sein soll. Aus diesem Grund hat die DWS 2016 den Invest II Global High Conviction aufgelegt. Der Fonds ist sozusagen ein Extrakt. Er umfasst 40 Aktien, die auch in den beiden anderen Sondervermögen vertreten sind. Der Begriff "High Conviction" bringt zum Ausdruck, dass wir von diesen Titeln ganz besonders überzeugt sind. Mein Team und ich managen die drei Fonds im Prinzip aber alle nach ein und derselben Investmentstrategie.
Können Sie diese bitte erläutern?
Köttner: Der Investmentprozess verläuft in drei Stufen. Zunächst einmal filtern wir aus den weltweit rund 30.000 börsennotierten Unternehmen, die Firmen heraus, die am attraktivsten erscheinen. Ich bin Mathematiker und habe dafür ein Verfahren für eine quantitative Analyse entwickelt. Damit scannen wir auf Basis zahlreicher Formeln Unternehmen auf verschiedene Kennzahlen hin, wichtig sind unter anderem die Zukunftsfähigkeit, insbesondere die Kapitalrenditen, die Bilanzqualität und die Bewertung. Das System legt eine Rangfolge fest und teilt das Universum in Perzentile ein.
Und wie geht es danach weiter?
Köttner: Für die Unternehmen, die im ersten und zweiten Dezil landen, erstellen mein Team und ich dann eine bis zu 30-seitige sehr ausführliche Analyse und diskutieren anschließend darüber. Kommen wir zu dem Schluss, dass sich ein Investment tatsächlich lohnen könnte, folgen immer persönliche Gespräche mit dem Management und auch mit anderen Stakeholdern wie Zulieferer oder Wettbewerber. Das ist mir enorm wichtig, denn nur so ergibt sich ein vollständiges Bild. Und um möglichst jedwede Börsenpsychologie aus unseren Fonds herauszuhalten, verfolgen wir einen langfristigen Investmentansatz.
Wie haben Sie Ihre Fonds denn aktuell aufgestellt?
Köttner: Wir legen immer nach dem sogenannten Hantelprinzip an. Auf der einen Seite der Hantel haben wir starke Wachstumswerte, die derzeit vor allem aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz, kurz KI, kommen. Momentan ist meine größte Position in allen drei Fonds Taiwan Semiconductor, die zweitgrößte Position ist Alphabet. Auf der anderen Seite haben wir Aktien von Unternehmen, die etwa Konsumgüter oder Healthcare-Produkte herstellen. Diese Papiere bringen zwar wenig Rendite, aber sie stabilisieren das Portfolio. Sollte es zu einem Börsencrash kommen und die Seite der Hantel mit den Wachstumswerten zwischenzeitlich nach unten kippen, ziehen die eher konservativen Aktien den Fonds ein Stück weit nach oben.
KI ist ein spannendes Thema. Setzen Sie hier vor allem auf die "glorreichen Sieben"?
Köttner: Nein, neben Alphabet habe ich zwar etwa auch Microsoft, Nvidia oder Meta im Portfolio. Viel größere Chancen sehe ich aber bei Unternehmen, die von den gigantischen Ausgaben der Hyperscaler profitieren, dies sind unter anderem Unternehmen aus dem Bereich der Speicherhalbleiter. Davon gibt es weltweit nur sehr wenige. In den vergangenen Jahren haben sich diese Firmen hochzyklisch entwickelt. Es kam regelmäßig zu Überkapazitäten und die Preise der Chips fielen durch technologische Entwicklungen stetig, sodass sich die Investitionen in teure Fabriken nicht lohnten. Der KI-Boom der jüngsten Vergangenheit hat die Nachfrage aber so stark steigen lassen, dass sie das Angebot übersteigt, dadurch können die Preise angehoben werden. Die Gewinne steigen so stark, dass die Bilanzen keine Schulden mehr aufzeigten. Heute gehören die Unternehmen zu den profitabelsten der Welt.
Können Sie ein Beispiel für ein solches Unternehmen nennen?
Köttner: Ja, nehmen wir etwa den koreanischen Hersteller SK Hynix. Die Firma gibt es schon seit vielen Jahren und sie hat in der Vergangenheit immer wieder Gewinne und Verluste gemacht. Aber der KI-Boom hat dafür gesorgt, dass sich der freie Cashflow 2025 auf über 15 Milliarden Euro belief. Der Grund dafür ist, dass Unternehmen wie Nvidia inzwischen bereit sind, langfristige Verträge abzuschließen, um sich die Chips zu sichern. Zudem können Hersteller von KI-Beschleunigern heute sehr hohe Preise aufrufen, weil die Nachfrage so enorm ist.
Dann haben Sie die Aktie von SK Hynix sicher in Ihren Fonds?
Köttner: Ja, die Aktie zählt zu den größten Positionen im Fonds. Zuletzt war eine sehr dynamische Kursentwicklung zu beobachten. Größere Bewegungen sind im Technologiesektor nicht untypisch, in dieser Intensität habe ich solche Entwicklungen bislang jedoch nicht gesehen. Das verdeutlicht, wie außergewöhnlich das aktuelle Marktumfeld ist.
Allerdings gibt es auch viele KI-Verlierer.
Köttner: Das stimmt, aber nicht jede Firma, die als KI-Verlierer gilt, zählt wirklich dazu. Die Börsen sind zuletzt unter Druck geraten. Aber am Ende werden sie meiner Ansicht nach nicht zu den Verlierern gehören. Börsen haben oft quasi Monopole für verschiedene Finanzprodukte und besitzen viele proprietäre Daten, die sie nicht herausgeben. Die sind auch nicht im Internet verfügbar, daher kann sie keine KI der Welt durchsuchen oder nachahmen. Man muss schon genau hinsehen, bevor man von Gewinnern und Verlierern spricht.
Vielen Dank für das Gespräch. (am)
Ein Porträt von DWS-Starmanager Andre Köttner lesen Sie in der Ausgabe 2/2026 von FONDS professionell, die Abonnenten in den kommenden Tagen zugestellt wird.




Vortrag am FONDS professionell KONGRESS











