Vanguard: "100 Millionen Europäer werden bis 2035 ETFs nutzen"
Vom Sparbuch zum ETF-Sparplan: Der US-Fondsriese Vanguard traut der ETF-Branche bis 2035 eine Verdreifachung der Anlegerzahl zu. Auf der "ETF Stream"-Konferenz in London wurde das deutsche Neobroker-Modell als Vorbild für den ganzen Kontinent gelobt.
Auf der diesjährigen Konferenz "Ecosystem Unwrapped" des britischen Fachportals "ETF Stream" in London hat Vanguard eine bemerkenswerte Prognose für die europäische ETF-Branche abgegeben: Bis 2035 werden nach Einschätzung des weltgrößten Indexfondsanbieters rund 100 Millionen europäische Bürgerinnen und Bürger ETFs als Anlageprodukt nutzen. Das entspräche einer Verdreifachung gegenüber dem aktuellen Stand. Derzeit halten demnach erst rund 30 Millionen Privatanleger in Europa einen ETF.
Jon Cleborne, Europachef von Vanguard, betonte auf der Konferenz, dass die größte Hürde für die weitere Verbreitung von ETFs psychologischer Natur sei. "Die meisten Menschen sehen sich selbst nicht als Investoren", wird Cleborne zitiert. Viele Sparer betrachteten die Chancen auf Anlageerfolg wie einen Münzwurf – Kopf oder Zahl, Gewinn oder Verlust. Das Verständnis für die langfristige Wirkung des Zinseszinseffekts durch ein diversifiziertes Portfolio aus Aktien und Anleihen fehle schlicht noch bei einem Großteil der Bevölkerung.
Das "Pechvogel-Argument"
Um diese Skepsis zu entkräften, verwies Cleborne auf eine Vanguard-Studie über einen hypothetischen "Unlucky Jim", einen Anleger mit dem denkbar schlechtesten Timing. Dieser fiktive Investor hatte sein Geld jeweils kurz vor den gravierendsten Börseneinbrüchen seit 1997 investiert: unmittelbar vor der Asienkrise, vor dem Platzen der Dotcom-Blase, vor der globalen Finanzkrise und vor dem Covid-Einbruch. Trotz dieser katastrophalen Einstiegszeitpunkte wäre aus Einmaleinlagen von insgesamt 45.000 Pfund – investiert in den FTSE All World Index – bis Februar 2026 ein Vermögen von knapp 200.000 Pfund geworden. Wer das Geld dagegen einfach auf dem Konto hätte liegen gelassen, wäre lediglich auf rund 64.000 Pfund gekommen.
Auch was das ETF-Marktvolumen betrifft, zeigte sich Cleborne optimistisch: "Es ist nicht schwer, zu erwarten, dass die ETF-Assets in Europa bis 2032 auf zwischen sieben und zehn Billionen US-Dollar anwachsen könnten." Zum Vergleich: In den USA entfallen bereits rund 55 Prozent aller Fondsgelder auf ETFs und passive Indexfonds, ein Verhältnis, dem Europa schrittweise näherkommen dürfte. Retail sei eine branchenweite Chance, so Cleborne. Kein Unternehmen werde das allein stemmen können.
Regulatorischer Rückenwind und das Neobroker-Modell
Rückenwind komme auch von der Politik: Sowohl die britische Regierung als auch EU-Institutionen hätten es zur Priorität erklärt, Haushalte dazu zu bewegen, ihr Geld von niedrig verzinsten Bankkonten in renditeträchtigere Anlagen umzuschichten. Großbritannien habe im März eine landesweite Kampagne gestartet unter dem Motto "Invest for the Future", die größte Initiative dieser Art seit den Privatisierungsprogrammen der Thatcher-Ära in den 1980er Jahren.
Als Vorbild für andere Länder wurde auf der Konferenz mehrfach Deutschland genannt: Hierzulande haben demnach Neobroker mit ETF-Sparplänen bereits rund 15 Millionen Sparer zum Einstieg in die ETF-Welt bewegt. Eammon O'Callaghan, Global Head of ETF Product beim Fondsdienstleister Caceis, dazu: "Neobroker und Kooperationen zwischen Neobrokern und Asset Managern bei Co-branded ETFs werden die Retail-Adoption wirklich vorantreiben." (hh)




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