Altersvorsorgereform: AfW und Finanztip im Schlagabtausch
Sorgen ein staatliches Standarddepot und ein Kostendeckel für mehr Wettbewerb in der geförderten Altersvorsorge? Oder drängen sie freie Finanzberater an den Rand? AfW-Vorstand Norman Wirth und Saidi Sulilatu, Co-Chefredakteur von "Finanztip", debattieren.
Was die grundlegende Neuaufstellung der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge angeht, sind sich Norman Wirth, geschäftsführender Vorstand des Vermittlerverbands AfW, und Saidi Sulilatu, Co-Chefredakteur des Geldratgebers "Finanztip", in einem Punkt einig: Sie begrüßen das Projekt, das sich die Bundesregierung für die laufende Legislaturperiode auf die Fahne geschrieben hat.
"Das Altersvorsorgereformgesetz ist eine sehr große Chance und war längst überfällig", befindet Sulilatu. "Der Neustart in der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge bietet deutlich mehr Flexibilität in der Geldanlage. Gut ist zudem, dass künftig auch Selbstständige und Freiberufler Zugang zur Förderung haben werden", erklärt Wirth.
Zum Streitgespräch geladen
Hinsichtlich des geplanten staatlich organisierten Standarddepots und des Kostendeckels klaffen die Standpunkte von Wirth und Sulilatu allerdings weit auseinander. Ihre gegensätzlichen Auffassungen legten sie in einem Streitgespräch dar, zu dem FONDS professionell die beiden Experten eingeladen hatte.
Norman Wirth hält nichts von einem staatlichen Standarddepot. "Die Aufgabe des Staates ist es, einen klaren Rahmen zu setzen, damit privatwirtschaftlich organisierte Standarddepots einfach, transparent und kosteneffizient angeboten werden können", erklärt er. "Er sollte aber nicht gleichzeitig Schiedsrichter sein und selbst mitspielen. Und genau diese Gefahr sehe ich hier. Der Staat begibt sich in den Wettbewerb hinein", so der AfW-Vorstand.
"Staatliches Standarddepot kann für Verbraucher sinnvoll sein"
Saidi Sulilatu sieht das staatliche Standarddepot zwar nicht als zwingend notwendig an. "Aber es kann für Verbraucher absolut sinnvoll sein. Ich rechne damit, dass es einen sehr niedrigen Kostendeckel haben und damit eine gewisse Benchmark setzen wird", sagt er. Damit müssten private Anbieter sich einem echten Konkurrenzprodukt stellen. "Und das ist richtig so", findet der Verbraucherschützer.
Für das privat gemanagte und das staatliche Standarddepot ist ein Kostendeckel in Höhe von einem Prozent vorgesehen, nachdem ursprünglich 1,5 Prozent geplant waren. Das ist Sulilatu aber immer noch zu hoch. "Wir plädieren definitiv für einen niedrigeren Prozentsatz. Unsere Petition, die über 250.000 Menschen unterschrieben haben, sieht einen Kostendeckel von 0,5 Prozent vor, und zwar nicht nur für die Standardvariante", erklärt er. "Jetzt haben wir eine Schlupflochlösung, die leider auch sehr viel teurere Produkte am Markt zulassen wird", so Sulilatu.
"Staatlich verordneter Kostendeckel per se schlecht"
AfW-Vorstand Wirth will sich auf eine Diskussion um einen Kostendeckel von 0,5 oder 1,5 Prozent gar nicht einlassen. "Ein staatlich verordneter Kostendeckel ist per se schlecht. Eine isolierte Kostendebatte greift einfach zu kurz", konstatiert er. Entscheidend sei das Verhältnis von Kosten zu Leistung, Beratung, Förderung, Risikoabsicherung und Begleitung. "Ein Prozent für ein gut beratenes, sauber begleitetes, langfristig angelegtes und gut strukturiertes Produkt ist das Minimum. Mit einem Kostendeckel von 0,5 Prozent brauchen wir über Beratung gar nicht mehr nachzudenken", so Wirth.
Das findet Sulilatu gar nicht so dramatisch. "Wir bei 'Finanztip' glauben aber daran, dass die meisten Menschen sich selbst gut informieren und selbstständige Entscheidungen treffen können", kontert der Co-Chefredakteur. Geldanlage sei keine komplizierte Geschichte. Und auch das Altersvorsorgedepot müsse keine komplizierte Angelegenheit sein. "Die Verbraucher sind durchaus in der Lage, dieses Thema allein anzugehen", ist sich Sulilatu sicher.
Keine einfache Sache
Das sieht Norman Wirth anders. "Ich persönlich kann mir natürlich selbst am Markt einen ETF suchen. Aber nehmen wir mal einen Riester-Sparer, der sich überlegen muss, was er mit seinem Vertrag künftig machen soll", gibt Wirth zu bedenken. Ob ein Wechsel in ein Altersvorsorgedepot oder in das neue Fördersystem sinnvoll ist, hänge von vielen Faktoren ab, etwa Garantien, Zulagen, Kosten, Restlaufzeit, Steuern und Familiensituation. "Das ist keine einfache ETF-Auswahl, sondern eine Einzelfallentscheidung. Und genau deshalb glaube ich nicht, dass man die Menschen damit alleinlassen sollte", so Wirth.
Saidi Sulilatu hingegen mahnt, die Intelligenz der Verbraucher nicht zu unterschätzen. "In der modernen Welt gibt es immer mehr digitale Wege, die dabei helfen können, zu beurteilen, was mit einem Riester-Vertrag geschehen sollte", sagt er. Damit kämen viele Bundesbürger gut selbst zurecht. Für weitere Standpunkte – klicken Sie sich einfach durch unsere Bilderstrecke oben. (am)
Das komplette Streitgespräch finden Sie in der Ausgabe 2/2026 von FONDS professionell ab Seite 318. Angemeldete Nutzer können das Doppelinterview auch hier im E-Magazin lesen.















