Die Verkürzung der Abwicklungsfristen im europäischen Wertpapierhandel auf einen Tag stellt Asset Manager vor große Herausforderungen. Eine umfassende Automatisierung und Integration des Datenmanagements ist bei der Umsetzung unerlässlich. Zu diesem Schluss kommen Benjamin Jungbluth sowie seine Co-Autoren Sara Maricevic und Michael Matysik, allesamt von der Wealth- und Asset-Management-Beratungsabteilung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO.

Hintergrund ist die für den 11. Oktober 2027 geplante Umstellung der Fristen in der Abwicklung von Wertpapiergeschäften von zwei (T+2) auf einen Tag (T+1). Diese erfasst sowohl den Aktien- als auch den Anleihen- und den Devisenhandel. Nach den bisherigen Plänen bleibt der Handel von Fondsanteilen bei der bisherigen Frist T+2. Innerhalb des Fondsportfolios soll der Wertpapierhandel jedoch ebenfalls der kürzeren Frist unterliegen. Wie dies Asset Manager betrifft, lesen Sie im folgenden Kommentar der BDO-Experten. (fp)


Mit der Einführung des T+1-Settlement-Zyklus am 11. Oktober 2027 steht die europäische Fonds- und Asset-Management-Industrie vor einer tiefgreifenden operativen Veränderung. Künftig werden Wertpapiertransaktionen bereits einen Geschäftstag nach Handelsabschluss abgewickelt. Während die regulatorische Initiative formal auf die Verkürzung des Abwicklungszyklus abzielt, reichen die Auswirkungen weit über die eigentliche Wertpapierabwicklung hinaus.

Gesamte Wertschöpfungskette erfasst
T+1 verkürzt die verfügbaren Abstimmungs- und Verarbeitungsfenster entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Handelsallokationen, Trade-Confirmations, Settlement-Instruktionen, Liquiditätsdispositionen, Fremdwährungsgeschäfte sowie nachgelagerte Accounting- und Reporting-Prozesse müssen deutlich früher abgeschlossen werden. Prozessschritte, die bislang über zwei Geschäftstage verteilt werden konnten, verlagern sich zunehmend in einen Handelstag.

Für Asset Manager verändert sich damit die operative Steuerungslogik. T+1 ist weniger ein Settlement-Thema als vielmehr eine Frage der Fähigkeit, Daten, Liquidität und Prozesse über Organisations- und Systemgrenzen hinweg effizient zu steuern.

Komplexe Marktstruktur
Die Erfahrungen aus den USA, Kanada und Mexiko zeigen, dass verkürzte Abwicklungszyklen Gegenparteirisiken reduzieren und die Kapitaleffizienz erhöhen können. Europa startet jedoch unter deutlich komplexeren Rahmenbedingungen. Unterschiedliche Marktpraktiken, mehrere Zentralverwahrer, verschiedene Verwahrketten sowie die Abwicklung in unterschiedlichen Währungen führen zu zahlreichen Abhängigkeiten zwischen Asset Managern, Verwahrstellen, Brokern, Transfer Agents und weiteren Marktteilnehmern.

Die erfolgreiche Umsetzung von T+1 erfordert daher eine deutlich engere Abstimmung entlang der gesamten Nachhandelskette. Gleichzeitig bleiben regulatorische Anforderungen an Kontrolle, Transparenz und Governance unverändert bestehen.

Entscheidung vor dem Settlement
Die größten Herausforderungen entstehen nicht im Settlement selbst, sondern in den vorgelagerten Prozessen. Bereits unmittelbar nach Handelsausführung müssen Transaktionen allokiert, Handelsbestätigungen verarbeitet und Settlement-Instruktionen bereitgestellt werden.

Erfahrungen aus anderen Märkten zeigen, dass Settlement-Probleme häufig auf verspätete Allokationen, unvollständige Handelsdaten, fehlerhafte Stammdaten oder Medienbrüche zwischen internen und externen Systemen zurückzuführen sind. Für Asset Manager verschiebt sich der Fokus daher von der isolierten Betrachtung der Wertpapierabwicklung hin zu einer End-to-End-Steuerung sämtlicher Aktivitäten zwischen Handelsabschluss und finalem Settlement.

Deutliche Auswirkungen
Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen von T+1 im Bereich Treasury und Liquiditätsmanagement. Die Zeitspanne zwischen Handelsabschluss und Zahlungsabwicklung verkürzt sich, wodurch die Anforderungen an Cash-Forecasting, Funding und Fremdwährungsmanagement steigen.

Insbesondere bei grenzüberschreitenden Transaktionen müssen Devisengeschäfte früher initiiert und Liquiditätsbedarfe präziser prognostiziert werden. Gleichzeitig verkürzen sich die verfügbaren Zeitfenster für Abstimmungen mit Verwahrstellen, Korrespondenzbanken und weiteren Marktteilnehmern.

Die Fähigkeit, Zahlungsströme und Liquiditätspositionen intraday zu überwachen und zu steuern, wird damit zu einer wesentlichen Voraussetzung für eine stabile Abwicklung.

Standardisierte Datenflüsse
Mit der Verkürzung des Settlement-Zyklus sinkt die Toleranz gegenüber operativen Ineffizienzen. Fehlerhafte Daten, manuelle Prozessschritte oder unzureichend abgestimmte Schnittstellen können deutlich schneller zu Abwicklungsproblemen führen als unter dem heutigen T+2-Regime.

Vor diesem Hintergrund entwickelt sich Straight Through Processing (STP) von einer Effizienzinitiative zu einer operativen Notwendigkeit. Neben hohen STP-Quoten gewinnen die Qualität von Referenzdaten, die Pflege von Standing-Settlement-Instructions sowie standardisierte Datenflüsse zunehmend an Bedeutung.

Die Erfahrungen aus Nordamerika zeigen, dass die Ursachen für Settlement-Fails häufig weit vor dem eigentlichen Settlement entstehen. Datenqualität und Automatisierungsgrad beeinflussen damit unmittelbar die Settlement-Performance.

Leistungsfähigkeit auf dem Prüfstand
Die Einführung von T+1 sollte nicht als isolierte Anpassung einzelner Abwicklungsprozesse verstanden werden. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Verdichtung sämtlicher Prozessschritte zwischen Handelsausführung und finaler Wertpapierabwicklung.

Für Asset Manager wird der Erfolg der Transformation maßgeblich davon abhängen, wie effektiv Investment Operations, Treasury, Fund Accounting und externe Dienstleister künftig zusammenwirken. T+1 beschleunigt damit die Entwicklung hin zu stärker integrierten, datengetriebenen und automatisierten Betriebsmodellen.

Institute, die ihre Prozesslandschaften frühzeitig auf diese Anforderungen ausrichten, schaffen nicht nur die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Migration im Jahr 2027, sondern stärken zugleich ihre operative Resilienz und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.