Seit Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) seinen EU-Amtskollegen einen Entwurf für eine europäische Finanztransaktionssteuer vorgelegt hat, hagelt es von allen Seiten Kritik. Der Hauptgrund: Die von Scholz geplante Steuer würde jeden Aktienkauf mit 0,2 Prozent des Transaktionsvolumens belasten, sofern das dahinterstehende Unternehmen eine Marktkapitalisierung von mindestens einer Milliarde Euro aufweist. Andere Assets, insbesondere diverse als brandgefährlich eingestufte Derivate, bleiben hingegen komplett außen vor. Damit würden in Zeiten dauerhafter Null- und Negativzinsen Vermögensaufbau und Altersvorsorge erheblich erschwert, so die Kritiker.

Nun haben die Freien Demokraten, die eine EU-weite Finanztransaktionssteuer schon seit den ersten Diskussionen darüber skeptisch sehen, ihre Ablehung mit Zahlen untermauert. Dafür hat die FDP-Bundestagsfraktion bei den Ökonomen Hans-Peter Burghof und Robert Jung von der Universität Hohenheim ein Gutachten in Auftrag gegeben. Dies berichten diverse Medien, darunter  der Berliner "Tagesspiegel" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Das Ergebnis: Die geplante "Aktienerwerbsteuer", wie Burghof das Scholz-Projekt bezeichnet, dürfte den Vermögensaufbau mit Aktien und Fonds sehr viel stärker belasten, als der niedrig anmutende Tarif von 0,2 Prozent glauben lässt. 

Hohe Kosten bei sehr aktiven Fonds
Wie hoch die Kosten sind, die auf Privatanleger zukommen, hängt vor allem davon ab, wie häufig diese mit Aktien handeln. Bei einem eher defensiven Anleger, der in Eigenregie Aktien kauft und sämtliche Dividenden reinvestiert, liege die Umschlaghäufigkeit innerhalb seines Depots dem Gutachten zufolge bei etwa zehn Prozent pro Jahr, zitiert "Der Tagesspiegel" aus der Expertise. Bei gängigen Fonds würden jährlich etwa 30 bis 50 Prozent der enthaltenen Einzelpositionen ausgetauscht. Sehr aktive Fonds "drehten" jährlich sämtliche Aktien im Portfolio, zuweilen kämen sie sogar auf eine Umschlaghäufigkeit von über 100 Prozent.

Fällt nun bei jedem Aktienkauf die "Scholz-Steuer" an, wird das mit den Jahren kostspielig und schmälert die Rendite. Die Ökonomen der Uni Hohenheim haben errechnet, dass bei einer Anlagedauer von zehn Jahren und einer Umschlaghäufigkeit von zehn Prozent 0,4 Prozent vom Endwert verloren gehen. Wird etwa ein Drittel des Portfolios umgeschichtet, sind es 0,8 Prozent. Dreht ein Fondsmanager hundert Prozent der Aktien, ergibt sich durch die Steuerbelastung ein Renditeverlust von 2,17 Prozent. 

Bis zu 7,9 Prozent Renditeverlust in 40 Jahren
Burghof und Jung haben für ihr Gutachten unter der Annahme, Scholz‘ Pläne wären schon vor Jahrzehnten umgesetzt worden, auch einmal zurückgerechnet, wie die FAZ berichtet. So kommen sie zu dem Ergebnis, dass einem Anleger, der vor 40 Jahren direkt oder über einen Fonds in Aktien investiert hätte, vom Endwert zwischen einem und knapp 7,9 Prozent durch Steuerzahlungen entgangen wären. "Für 25 Jahre liegt der Verlust bei den betrachteten Parameterkonstellationen zwischen 0,7 Prozent und 12,2 Prozent, für zehn Jahre zwischen 0,4 Prozent und 5,3 Prozent", zitiert die FAZ aus dem Gutachten. 

Während die geplante Steuer Privatanleger also erheblich träfe, könnte sie darüber hinaus keinen "Stabilisierungseffekt" erreichen. Denn: Die Aktiensteuer würde dem Gutachten zufolge vom gesamten Handelsvolumen in der EU in Höhe von 428 Billionen Euro nur etwa 2,2 Billionen Euro treffen. Ein Stabilisierungseffekt war aber von Anfang an das eigentliche Ziel einer EU-weiten Finanztransaktionssteuer. (am)