Die undurchsichtige Pleite der deutschen Holding FWU AG und ihrer Luxemburger Versicherungstochter FWU Life Insurance Lux S.A. (FLL) wird noch weite Kreise ziehen. Dieser Eindruck verfestigt sich exakt ein Jahr nach Insolvenzanmeldung. In einem unlängst veröffentlichten Kommuniqué erklärt der Luxemburger FLL-Insolvenzverwalter Yann Baden, er habe "Ermittlungen zu den Ursachen für mögliche kriminelle Handlungen und/oder zivilrechtliche Haftung der beteiligten Parteien eingeleitet".

Um welche strafrechtlich relevanten Vorkommnisse es geht und weitere Details waren auf Nachfrage vorerst vom Liquidator nicht zu erfahren. Auch die Luxemburger Versicherungsaufsicht Commissariat aux Assurances (CAA) hatte sich auf eine frühere Anfrage zur Aufarbeitung der Insolvenz bedeckt gehalten.

Versicherte sollen "wesentlichen Teil" zurückerhalten
Offenbar gab es jedenfalls rund um die Pleite vermögenssichernde Maßnahmen der luxemburgischen Aufsicht und des Gerichts, die ansonsten unüblich sind. Aufgrund dieser Schritte dürfen sich Versicherungsnehmer Hoffnungen machen, "einen wesentlichen Teil" ihres Geldes wiederzusehen, wie der Masseverwalter mitteilt.

Allerdings müsste dazu erst der Erstattungsprozess in die Gänge kommen. Hier hakt es. Denn der Liquidator kommt mit der Abwicklung verzögert voran. Nach der Insolvenz im Juli 2024 habe die deutsche FWU Holding AG per 31. Januar 2025 die IT abgeschaltet, an der auch die Luxemburger Tochter FLL hing. Daraufhin musste ein Technikerteam der FLL ein neues System aufstellen und "Kunden-, Versicherungsinformationen und -daten aus Backups oder aus verfügbaren Daten" rekonstruieren, schreibt der Liquidator auf fwulifelux.com.

Formulare prüfen
Er hätte eigentlich per gerichtlicher Frist bis Ende Juli 2025 allen Kunden ein vorausgefülltes Forderungenformular zukommen lassen sollen. Frühestens wird der Versand nun erst Ende Juli starten. Derzeit werde "ein sicheres Kundenportal entwickelt", über das später die gesamte Kommunikation zentralisiert laufen soll. Geplanter Start: September 2025. Insolvenzverwalter Baden betont, man sei zudem bemüht – wenngleich nicht verpflichtet –, den Versicherungsnehmern weiter Steuerbescheinigungen auszustellen.

Die Turbulenzen mit den Daten implizieren eines für Kunden: Ihnen ist zu raten, die Angaben in den vorausgefüllten Formularen eingehend zu prüfen. Es geht laut den Angaben um rund 250.000 Forderungsformulare. 

Fristen und neue Kontaktdaten
Grundsätzlich hat der Luxemburger Liquidator drei Jahre Zeit, um die Fälle zu bearbeiten. Kunden müssen Forderungen spätestens bis 31. Januar 2028 anmelden, sonst verfallen sie.

Mit dem Aus der ursprünglichen FWU-IT funktionieren auch alle bisherigen E-Mail-Adressen mit der Domain @forwardyou.com nicht mehr. Kunden werden gebeten, für die Kommunikation ausschließlich die Domain @fwulifelux.com zu verwenden. Kontaktdaten können über www.fwulifelux.com/servicecenter (externer Link) aktualisiert werden.

Unerfreulich sind die IT-Schwierigkeiten für die Gläubiger zudem aus Kostensicht, weil alle Aufwände ihre Rückflüsse aus der Liquidation schmälern. Apropos: Der Masseverwalter vermeldet, dass er die Fixkosten durch Büroauflösungen und andere Optimierungen um die Hälfte gesenkt hat. Teams in den wichtigen Märkten Spanien und Italien wurden zur lokalen Unterstützung der Kunden jedoch beibehalten.

Italien stark betroffen
Die FLL hat Lebensversicherungsverträge besonders stark in Italien vertrieben, mit Bruttoprämien in Höhe von 132 Millionen Euro im Jahr 2023. Danach folgen Spanien (63 Millionen Euro an Bruttoprämien), Frankreich und Deutschland (beide rund 19 Millionen). Aber auch in Belgien, Dänemark, Schweden und Luxemburg gibt es viele Betroffene.

Selbst in Österreich, wo die nicht insolvente Tochter FWU Life Austria (FLA) weiter operativ tätig ist, gibt es rund 800 über Luxemburg laufende Verträge mit einer jährlichen Bruttoprämiensumme von etwa 933.000 Euro. Die versicherungstechnischen Rückstellungen der FLL in Österreich belaufen sich auf rund neun Millionen Euro.  

Rückerstattung: Es könnte schmerzhaft werden
Obwohl die Versicherten "wesentliche" Teile des Kapitals zurückerhalten sollen, ist anzunehmen, dass es in vielen Fällen schmerzhaft werden wird; allein wegen der bei Lebensversicherungen traditionell hohen Kosten, die umso stärker zuschlagen, je jünger der Vertrag ist, werden die Rückkaufwerte oft gering sein. In Italien etwa, wo FLL gut 110.000 Kunden hatte (Stand Ende 2023), verzeichnete FLL ausgerechnet in den vergangenen Jahren einen sehr hohen Zuwachs bei Neukunden und Verträgen. Verbraucherverbände melden in dem Land teils massive Verluste in einzelnen Produkten.

Obacht bei "Unterstützungsangeboten"
Hüten müssen sich geschädigte Versicherungsnehmer in dieser Situation zudem vor neuen Unannehmlichkeiten. Windige Berater oder ehemalige FWU-Agenten versuchen, aus dem Schaden Kapital zu schlagen, wie zu erfahren ist. Die Luxemburger Aufsicht CAA bestätigt "Hinweise, wonach Versicherungsmakler oder Dritte möglicherweise Kunden(-daten) benutzen könnten, um selbst und anstelle der Versicherungsnehmer zumindest indirekt Geld aus der Liquidierung ziehen zu können", wie ein Sprecher gegenüber der Redaktion mitteilt. Kunden sollten "äußerst vorsichtig" sein, wenn ihnen Hilfe rund um die FLL-Pleite angeboten wird.

Positiv für die ausländischen Betroffenen der Abwicklung: Die Luxemburger CAA stellt Informationen zu dem Fall in fünf Sprachen zur Verfügung. Darunter auch auf Deutsch. 

Multi-Insolvenz
Am 19. Juli 2024 meldete die deutsche Mutter-Gesellschaft FWU AG in München Insolvenz an. Sie hatte keine Versicherungslizenz, sondern nur Holding-Funktionen und wird damit nicht von der deutschen Bafin beaufsichtigt. Die Gruppenaufsicht liegt bei der CAA in Luxemburg.

Dort fiel zeitgleich mit der FWU AG die FLL um, die eine Versicherungsgesellschaft mit eigener Lizenz ist. Nachdem die Mutter aus Deutschland kein Kapital zuschießen konnte, teilte die Luxemburger FLL der nationalen Aufsicht ein Unterschreiten sämtlicher Kapitalnotwendigkeiten mit: der Mindestkapitalanforderung ("MCR"), der Solvenzkapitalanforderung ("SCR") und der Deckung der Versicherungsverbindlichkeiten durch anrechnungsfähige Vermögenswerte.

Fragliches Kapitalabschmelzen
Wie es zu der massiven Schieflage kommen konnte, ist nach wie vor schwer zu durchblicken. Ende 2023 berechnete die FLL jedenfalls noch eine Solvency-II-Quote von 163 Prozent. Sieben Monate später, bei der Insolvenz im Juli 2024, waren es nur 21 Prozent. Eine 100-Prozent-Quote bedeutet, dass das Kapital ausreicht, um in den kommenden zwölf Monaten unerwartete Verluste mit 99,5-prozentiger Wahrscheinlichkeit aufzufangen. Versicherungen verweisen gern auf ihre Übererfüllung der Quote jenseits der 100 Prozent. Dass dem nicht allzu viel Wert beigemessen werden kann, verdeutlicht der Fall der FLL. 

Ob die Aufsicht früher handeln hätte müssen oder ob sie die In-sich-Verbindungen der FWU-Gesellschaften stärker würdigen hätte müssen, wird noch aufzuarbeiten sein. Die CAA gab dazu auf eine frühere Anfrage der Redaktion keine Antwort. 

Verschiebung von Verpflichtungen
Dass die Kapitalquoten bei der Versicherung derart rasant dahinschmolzen, lag laut Unternehmensunterlagen zum Beispiel an Verpflichtungen aus Garantiezahlungen aus der Finanzierung mehrerer Versicherungsverbriefungen. Diese wurden in die FLL-Bilanz verbracht, anstatt von der FWU AG übernommen zu werden.

Auch zur Investitionsstruktur kann man Fragen stellen. So hatte die FLL in eine Anleihe der FWU Factoring GmbH investiert, eine (übrigens von der Bafin beaufsichtigte) Tochter der FWU AG, die im August 2024 Insolvenz anmeldete. Die Anleihe fiel damit naturgemäß aus. Ebenso kamen Zuflüsse aus einer strukturierten Credit-Suisse-Anleihe zum Erliegen, hinter der Kuponzahlungen der FWU Factoring standen.

Bank Havilland
Einen weiteren schillernden Aspekt in der FLL-Pleite liefert die Luxemburger Banque Havilland. Im August 2024 entzogen die Europäische Zentralbank (EZB) beziehungsweise die nationale Bankaufsicht CSSF dem seit Längerem in der Kritik stehenden Institut die Lizenz. Grund waren aufsichtsrechtliche Verstöße. Auch die FLL hatte Vermögen dort liegen, das wegen der eigenen Insolvenz im Juli bereits eingefroren war. 

Angesichts dieser Wirren werden die Bemühungen der Österreich-Tochter verständlich, sich so rasch als möglich abzugrenzen – auch wenn das ungewöhnliche Schritte bedeutet: Die FWU Life Austria – sie ist anders als die Luxemburger Gesellschaft nicht pleite – hat vergangene Woche zwar schon mal verkündet, dass sie verkauft und umbenannt wird (künftig: "Austrion Life"), gleichzeitig gibt sie aber die potenziellen Käufer noch nicht offiziell preis. Auch der Holding-Masseverwalter Ivo-Meinert Willrodt verweist auf die "Verschwiegenheit der Parteien". Ein Vorgehen, das Profi-Beobachter gegenüber der Redaktion als beispiellos erachten, da bei Verkaufsbestätigungen normalerweise auch die Investoren genannt werden.   

Die österreichische FLA wird direkt von der hiesigen Finanzmarktbehörde FMA beaufsichtigt. Im Konzern hatte die FLA eine autarkere Stellung als die Luxemburger FLL. Unter anderem verfügt sie über eigene IT-Infrastruktur. (eml)