Für die meisten Bundesbürger kommt irgendwann der Zeitpunkt, zu dem sich darüber Gedanken machen, wer einmal ihr Erbe antreten soll. Digitale Rechtspositionen werden dabei allerdings häufig ganz einfach vergessen. Für die Hinterbliebenen kann das gravierende Folgen haben. Stephanie Herzog, Rechtsanwältin, Fachanwältin für Erbrecht und Partnerin der Kanzlei Peter & Partner aus Würselen bei Aachen, erläutert im Interview mit FONDS professionell ONLINE, wie sich diese vermeiden lassen – und wie Berater sich mit dem digitalen Nachlass ein zusätzliches Geschäftsfeld erschließen können.


Frau Herzog, ab einem gewissen Alter regeln die meisten Menschen ihr Erbe. Digitale Inhalte und Vermögenswerte bleiben dabei aber häufig unbeachtet. In Vorträgen informieren Sie daher über den sogenannten digitalen Nachlass. Was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Stephanie Herzog: Der Begriff 'digitaler Nachlass' ist noch relativ neu. Rechtlich gesehen verbergen sich dahinter Verträge mit Internetprovidern, jede Hard- und Software, Benutzer- und Firmenprofile im Netz, Apps, Blogs, digitale Vertragsbeziehungen, alle Onlinedokumente, digital angelegtes Vermögen und vieles mehr. Genau wie der analoge Nachlass besteht das digitale Erbe aus einer Vielzahl von Rechtspositionen. Doch während die meisten Menschen irgendwann darüber nachdenken, wer ihr Erbe in der Offline-Welt antreten soll, werden die digitalen Rechtspositionen in der Tat oft vergessen. Da sehe ich enormen Beratungsbedarf.

Das klingt fast so, als könnten sich Finanzberater hier ein zusätzliches Geschäftsfeld erschließen.

Herzog: Ich würde vor allem Financial Plannern, Generationenberatern und Erbschaftplanern empfehlen, sich mit dem Thema vertraut zu machen, damit sie ihren Kunden bei der Regelung des digitalen Nachlasses beistehen können. Das finde ich sehr wichtig, denn wenn sich Mandanten mit Problemen an uns wenden, ist das Kind meist schon in den Brunnen gefallen.

Welche Probleme können auftreten, wenn der digitale Nachlass nicht geregelt ist?

Herzog: Heute schließen viele Verbraucher Verträge online ab, Vermögen wird bei Onlinebanken oder über digitale Broker angelegt. Ganz zu schweigen davon, was die Blockchain-Technologie noch alles möglich machen wird. Wenn dann nicht geregelt ist, wer nach dem eigenen Tod welche Zugangsdaten erhalten soll, kann es für die Hinterbliebenen sehr kompliziert werden. Zwar sind die rechtlichen Regelungen für den digitalen Nachlass mit dem "Facebook-Urteil" im Juni 2018 etwas klarer und einfacher geworden. Das heißt aber nicht, dass etwa Internet-Provider die Daten auch bereitwillig herausgeben. Dann können die Erben eines Verstorbenen eventuell noch nicht einmal in Erfahrung bringen, wo welche Summen angelegt sind.

Sie sprechen das "Facebook-Urteil" an. Was hat sich durch diese Entscheidung des Bundesgerichtshofs geändert?

Herzog: Zuvor herrschte überwiegend die Rechtsauffassung, dass digitale Daten, die nicht lokal auf dem Eigentum des Erblassers, sondern in einer Cloud gespeichert sind, je nach Inhalt unterschiedlich behandelt werden müssen. Vermögenswerte Inhalte, so die Meinung der meisten Juristen, hätten auf die Erben überzugehen, höchstpersönliche jedoch nicht. Diese standen nach der gängigen Auffassung den engsten Angehörigen zu – die nicht immer auch die Erben sind. Das führte häufig zu Konflikten im Familienkreis oder zu Problemen mit dem Testamentsvollstrecker. Mit der als Facebook-Urteil bekannt gewordenen Entscheidung hat der Bundesgerichtshof klargestellt, dass alle digitalen Inhalte auf die Erben übergehen. Internet-Provider etwa können die Herausgabe von Zugangsdaten verstorbener Kunden an ihre Erben nicht mehr mit der Begründung verweigern, sie seien persönlicher Natur.

In der Praxis kommt das trotzdem vor. Was können Berater ihren Kunden empfehlen, damit ihnen solche Schwierigkeiten erspart bleiben?

Herzog: Viele Experten raten dazu, eine möglichst immer aktuelle Liste mit wichtigen Zugangsdaten zu führen und diese auf einem verschlüsselten USB-Stick zu speichern. Das ist allerdings aufwendig. Wollen Kunden diesen Aufwand nicht betreiben, sollten Berater ihnen ans Herz legen, die Zugangsdaten zum wichtigsten Rechner und die Haupt-E-Mail-Adresse zu dokumentieren. Wenn Erben diese Daten haben, können sie zumindest einsehen, welche Onlineverträge, Depots und Konten bestehen. Schließlich bekommt jeder Onlinekunde oder -anleger in regelmäßigen Abständen von seinen Vertragspartnern Mails. Am besten ist es aber, in einer Vorsorgevollmacht und testamentarisch festzuhalten, wer Zugriff auf welche Inhalte erhalten soll. Diese Personen bekommen dann Zugang zu einer Liste mit den entsprechenden Daten. 

Vielen Dank für das Gespräch. (am)


Einen ausführlichen Bericht darüber, warum es wichtig ist, Kunden auf das Thema "digitaler Nachlass" aufmerksam zu machen, finden Sie in der Heftausgabe 4/2018 von FONDS professionell. Angemeldete FONDS professionell KLUB-Mitglieder können den Beitrag auch ab Seite 272 im E-Magazin lesen.