Im Vatikan hat ein historischer Prozess begonnen: Zum ersten Mal in der Geschichte muss sich ein Kardinal vor dem Gericht des Kirchenstaats verantworten. Der Angeklagte ist Giovanni Angelo Becciu. Gegen ihn und neun weitere Angeklagte läuft eine Ermittlung wegen Unterschlagung, Betrug, Amtsmissbrauch, Geldwäsche und Erpressung, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Im September vergangenen Jahres wurde Becciu von Papst Franziskus zum Rücktritt gedrängt. Becciu hatte über viele Jahre hinweg eine Schlüsselposition als Substitut im Staatssekretariat des Vatikans inne. 

Unter ihm investierte die Kurie mehrere hundert Millionen Euro unter anderem in eine Luxusimmobilie im Londoner Stadtteil Chelsea, berichtet die "Tagesschau". Dabei verdienten vor allem die Vermittler des Deals viel Geld, der Vatikan selbst verlor Millionen. Besonders anstößig: Teils stammte das Geld aus dem sogenannten Peterspfennig, der für wohltätige Zwecke gedacht ist und beispielsweise aus den Kollekten der Kirchgänger gespeist wird. In der Anklageschrift wird detailliert nachgezeichnet, wie das Staatssekretariat seit der ersten Investition im Umfang von 200 Millionen Euro aus dem Jahre 2013 über verschiedene Investmentfonds und deren Vermittler immer mehr Geld für die Liegenschaft aufgewendet hat. 

Langwieriger Prozess
Stutzig geworden ist man im Vatikan erst, als bei der Vatikanbank ein ihrer Meinung nach ungerechtfertigter Antrag auf eine Geldsumme einging. Deshalb hat das Geldinstitut eine gründlichere Vertiefung der Sache durch den vatikanischen Revisor und die Justiz gefordert. Neben Becciu sind ranghohe geistliche und zivile Mitarbeiter des Staatssekretariats und diverser Finanzinstitutionen des Vatikans angeklagt, berichtet die FAZ. Beobachter erwarten, dass sich der Prozess über mehrere Jahre hinziehen wird. (fp)