Kriminalfall Sun Contracting: Geschädigte auch in Deutschland
Das von Ermittlungen betroffene insolvente österreichisch-liechtensteinische Sonnenstrom-Unternehmen Sun Contracting hinterlässt auch in Deutschland verbrannte Erde. Unterlagen weisen auf verbotene Vertriebspraktiken hin. In Österreich gab es Verhaftungen.
Anfang November wurde über die Gesellschaften des Photovoltaikanlagen- und Investmentunternehmens Sun Contracting Insolvenz verhängt. Rasch war klar, dass es sich nicht um eine "gewöhnliche" konjunkturbedingte Pleite handelt.
In Österreich ermitteln die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) Wien sowie mehrere regionale Staatsanwaltschaften gegen Sun Contracting und die eng verknüpfte, auf Immobilien fokussierte Green-Finance-Gruppe. Es geht neben zahlreichen anderen Delikten um schweren gewerbsmäßigen Betrug. Beide sind zentral in Österreich verwurzelt, Gruppensitz ist seit einigen Jahren aber Liechtenstein.
Verhaftungen
Vergangene Woche wurden in Österreich drei Hauptverantwortliche festgenommen. Laut Festnahmeanordnung sollen sie 2018 die GW Energie AG um einen Euro übernommen und um sechs Millionen Euro an die Sun Contracting weiterverkauft haben – finanziert aus Anlegergeldern. Zudem sehen die Ermittler einen zweifach abgewickelten Aktiendeal rund um die Omit AG 2023, wo ein Schaden von 1,4 Millionen Euro vermutet wird. Es gilt für alle die Unschuldsvermutung.
Abseits davon wird auch wegen dubioser Vertriebspraktiken ermittelt. Um ihr Geschäftsmodell zu finanzieren, hat die Sun-Contracting-Gruppe qualifizierte Nachrangdarlehen, Anleihen und Namensaktien an Anleger verkauft. Massenhaft geschah das über unbefugte Vermittler, die komplexe Produkte wie diese nicht beraten oder vertreiben hätten dürfen.
Deutschland: Tricks mit dem Wohnort
Auch im Süden Deutschlands, wo Green Finance und Sun Contracting aktiv waren, kam es zu Malversationen, wie Unterlagen zeigen. Er erfuhr von der Pleite erst, als er sich kürzlich auf seinem Anlegerportal anmelden wollte, sagt ein Anleger gegenüber der Redaktion. Ihm hat ein Vermittler eines Green-Finance-Büros einer deutschen Kreisstadt vor rund vier Jahren eine Sun-Contracting-Anleihe verkauft.
Erst später fand der Kunde durch gezielte Recherchen heraus: Die Anleihe war in Deutschland gar nicht zum Vertrieb zugelassen. Und was dem Betroffenen dabei ebenfalls auffiel: Um ihm die Anleihe als deutschem Staatsbürger verkaufen zu können, tricksten die Vermittler. Sie kreuzten als Wohnort kurzerhand "Österreich" an. Der daraufhin eilig kontaktierte Berater beschwichtigte den besorgten Kunden. Der Anleihenvertrieb sei mit der Rechtsabteilung abgesprochen, und beim Sitzland habe man sich schlicht verklickt.
Auffällig ist nur, dass ein weiterer Kunde dasselbe Schicksal teilt. Auch er wurde zum Österreicher gemacht, wie Zeichnungsunterlagen zeigen, die der Redaktion vorliegen.
Überhöhte Zeichnungssummen – keine Zinsen
Belege gibt es für etliche weitere unerlaubte Manöver. So befand sich der Betroffene bei Abschluss des Investments in Ausbildung, verdiente also wenig. Dennoch drängte ihn der Green-Finance-Berater zu einer sehr deutlich sechsstelligen Zeichnungssumme. Das sei sinnvoll, denn spätere Aufstockungen seien nicht möglich, argumentierte der Berater. Im Antrag notierte er ein weit überhöhtes Kundeneinkommen, um die hohe Zeichnungssumme durchzudrücken. Glück im Unglück, der Kunde investierte nicht die gesamte Summe als Einmalbetrag, sondern über Ratenzahlungen, und hat somit "nur" einen fünfstelligen Betrag verloren.
Auf dem Papier versprach Sun Contracting ihm gestaffelte Zinsen zwischen fünf und sieben Prozent. Real sah der Kunde davon jedoch nie etwas, denn die Zinsen waren endfällig, wären also erst mit Auslaufen des Vertrags gezahlt worden. Im vorliegenden Fall nach 25 Jahren.
Ähnliche Fälle international
Der Redaktion ist der Vermittler namentlich bekannt. Eine Anfrage ließ er unbeantwortet. Eine Erlaubnis, Anleihen zu vermitteln, besitzt oder besaß er jedenfalls nicht. Das Muster des geschilderten Falles wiederholt sich massenhaft, wie aus Schilderungen und Unterlagen hervorgeht, die die Redaktion in den vergangenen Wochen gesammelt hat. Verkauft wurden die Investments in Österreich und sämtlichen Nachbarländern sowie in Polen und Bulgarien.
Produkte von Sun Contracting oder Green Finance wurden meist von Tippgebern unter das Volk gebracht. Tippgeber dürfen eigentlich nur den Kontakt zwischen Kunden und befugten Unternehmen herstellen. Beraten oder vermitteln ist indes tabu. Indes fand in allen Fällen, die die Redaktion kennt, eine Beratung statt.
Versicherungsvermittler oder "Green Business Partner"
Einerseits waren es sehr oft selbständige Versicherungsvermittler oder Vermögensberater, die die Vehikel von Sun Contracting/Green Finance nebenher als Tippgeber anboten. Zum anderen gab es die große Gruppe der sogenannten "Green Business Partner". Von diesen Freiberuflern, die unter dem Green-Finance-Logo auftraten, gab es angeblich 8.000 europaweit. Sie hatten meist überhaupt keine Gewerbeberechtigung und keine Haftpflichtversicherungen. Ihnen wurde von oberen Ebenen suggeriert, dass das gar nicht nötig sei. Haftbar sei die Gesellschaft. Material dazu liegt der Redaktion vor.
Green Finance weist alle Vorwürfe zurück, man habe sich von unseriösen Vermittlern getrennt. Doch Kapitalmarktunterlagen aus dem August 2025, wo Ermittlungen wegen der Tippgeber-Vermittlung eingeräumt werden, zeigen, dass das Unternehmen die Sache nicht im Griff hat. Es gilt für alle die Unschuldsvermutung.
Hohe Provisionen
Für ihre Dienste wurden die Vermittler fürstlich entlohnt. Je nach Produkt flossen bei der Ausgabe neuer Anleihen oder Nachrangdarlehen um die 30 Prozent und mehr in Provisionen und Marketing- oder andere Ausgaben. Geldflüsse, die sich in dem Multi-Level-Marketing-System auf die verschiedenen Ebenen verteilten. Und immer wieder meldet das Umfeld dieser Vermittler dasselbe zurück: Bei Leuten, die mit dem Vertrieb von Green Finance oder Sun Contracting begannen, brach plötzlich der Luxus aus. In vielen Fällen stellten die Vertriebler den Wandel in ihrem Lebensstil in Social-Media-Posts selbst zur Schau. Der oben genannte Vermittler ist da keine Ausnahme. Er gefällt sich online vor einem sehr teuren Auto, während seine Kunden auf Verlusten sitzen.
Sun Contracting errichtete PV-Anlagen, oft auf Dächern von Betriebsstätten oder landwirtschaftlichen Flächen, und erhielt Zahlungen für die verbrauchten Kilowattstunden beziehungsweise aus Einspeisungen ins Stromnetz. Man inszenierte sich als eines der größten Sonnenstrom-Unternehmen Europas, mit dem Ziel, 2026 an die Börse zu gehen. Wie aus Ermittlungsunterlagen hervorgeht, waren die Einnahmen aus dem Modell aber so gering, dass diese nicht einmal die Zinszahlungen an die Anleger abdeckten, von einer Rückzahlung abreifender Produkte ganz zu schweigen.
Wo ist das Geld?
Ermittler bezeichnen in Akten angesichts der hohen Abflüsse den Konkurs als "vorprogrammiert". Wo das ganze Geld hingeflossen ist, wird noch zu untersuchen sein. In den Anleihen-Prospekten hält das Unternehmen selbst fest, dass der Abschlussprüfer einen substanziellen Teil an Wertanlagen und Forderungen nicht beurteilen kann.
Betroffen sind von der Pleite die beiden Liechtensteiner Gesellschaften Sun Contracting AG und der Investitionsgesellschaft Sun Invest AG sowie zahlreiche internationale Einheiten.

Quelle: Sun Invest Clean Energy CHF Bond 2024
Zusammenhang Green Finance und Sun Contracting
Sun Contracting ließ seine Anleihen, Nachrangdarlehen und Aktien häufig von der ebenfalls österreichisch-liechtensteinischen Green-Finance-Gruppe vermitteln. Diese unterhält einige Gewerbeimmobilien. Sie hat nach bisherigem Kenntnisstand keine Insolvenz angemeldet, musste aber die Emission von Finanzierungsprodukten stoppen. Und ohne frisches Geld dürfte es für die überwiegend verschuldeten Gruppengesellschaften schwer werden, weiterzubestehen.
Green Finance trat nach außen hin als "Partnerin" von Sun Contracting auf. Wie sich zunehmend herausstellt, dürften de facto beide Unternehmen eins sein. Für Kunden waren Unterschiede nicht erkennbar. Und auch Ermittlungsdokumente legen nahe, dass in beiden Gesellschaften dieselbe Personengruppe das Sagen hatte. Ermittelt wird dementsprechend gegen beide in einem Komplex. Aktiv sind die Behörden gegen das Geflecht auch in Liechtenstein, wo Vorerhebungen gegen eine natürliche und eine juristische Person wegen des Verdachts des schweren gewerbsmäßigen Betrugs und der Geldwäscherei laufen, wie ein Staatsanwalt mitteilt. In Ungarn wiederum verhängte die Aufsicht gegen beide Unternehmen gemeinsam mit einer Privatperson im Vorjahr eine Strafe von zusammen fast 1,8 Millionen Euro (667 Millionen HUF) wegen unerlaubter Vertriebstätigkeiten.
Millionenschaden
Wie hoch der Anlegerschaden aus der Sun-Contracting-Pleite ist, ist momentan noch nicht geklärt. Anleger in den Gesellschaften Sun Invest und Sun Contracting haben allein zwischen 2018 und 2024 Anleihen, Nachrangdarlehen und Aktien im Wert von etwa 500 Millionen Euro gezeichnet, wie eine grobe Zusammenrechnung der Angaben aus einem Kapitalmarktprospekt ergibt. Oft entrichtet in Raten, weshalb der tatsächlich einbezahlte Wert unklar ist. Individuell ist aber auch der Schaden bei den Ratenzahlern enorm. Mitunter zahlten Anleger monatlich einen fünfstelligen Betrag ein, wie aus der Festnahmeanordnung hervorgeht. (eml)













