Bundesbankpräsident Joachim Nagel hat gefordert, das KI-Modell "Mythos" von Anthropic betroffenen Institutionen zugänglich zu machen, um gleiche Wettbewerbsbedingungen bei der Bewertung von Einsatzmöglichkeiten und Risiken zu gewährleisten.

Die Plattform, deren Fortschritte Cyberbedrohungen für die Weltwirtschaft darstellen, sollte nicht nur einem exklusiven Kreis großer US-Konzerne vorbehalten bleiben, erklärte Nagel, der auch dem Rat der Europäischen Zentralbank angehört.

"Wir müssen den Missbrauch dieser Technologie verhindern", sagte er am Dienstag (21.4.) auf einer Konferenz in Rom. "Gleichzeitig sollten alle relevanten Institutionen Zugang zu dieser Technologie haben, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden."

Sorge vor Cyberrisiken und Ungleichgewichten
Anthropics "Mythos"-KI-Modell hat weltweit Befürchtungen vor einer neuen Welle von Cyberangriffen ausgelöst und bedroht auch die Stabilität des globalen Finanzsystems. Diese Sorgen spielten bereits bei der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds in Washington eine zentrale Rolle.

Regulierungsbehörden, Zentralbanken und Unternehmen versuchen derzeit, mehr Einblick in "Mythos" zu gewinnen, das bislang nicht breit verfügbar ist. Es bestehen Bedenken, dass Finanzsysteme außerhalb der USA – darunter in Europa – im Nachteil sind, da ihr Zugang begrenzt ist.

"Dieses KI-Modell scheint ein zweischneidiges Schwert zu sein", sagte Nagel. "Es kann nicht nur zur Verbesserung digitaler Sicherheitssysteme eingesetzt werden, sondern auch dazu, deren Schwachstellen für böswillige Zwecke auszunutzen."

Unklare Folgen für Inflation und Wachstum
In seiner Rede ging Nagel auch auf die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf Wachstum und Preisstabilität ein. Klare Schlussfolgerungen sind laut Nagel derzeit schwer zu ziehen: "Die potenziellen Auswirkungen von KI auf die Inflation sind weiterhin ungewiss."

Zwar könne die Technologie die Produktivität steigern, gleichzeitig aber auch den Lohndruck erhöhen und die Strompreise in die Höhe treiben. "Selbst kurzfristig könnte ein disinflationärer Effekt ausbleiben, wenn die Nachfrage in Erwartung künftiger Produktivitätssteigerungen zunimmt", erklärte Nagel und warnte zudem, dass KI-Algorithmen dauerhaft überhöhte Preise verlangen könnten.

Damit äußerte er sich vorsichtiger als der Kandidat für den Vorsitz der US-Notenbank, Kevin Warsh, der argumentiert, technologische Fortschritte – einschließlich KI – würden das Wachstum ankurbeln, ohne die Inflation zu befeuern.

Arbeitsmarkt bleibt außen vor
Die Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt thematisierte Nagel in seiner Rede nicht, obwohl diese Frage bei anderen EZB-Vertretern angesichts möglicher ungleicher Verteilung von Vorteilen und großer Stellenstreichungen im Fokus steht.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde und andere haben sowohl das große Potenzial von KI hervorgehoben als auch zur Vorsicht bei ihrem Einsatz aufgerufen. Jüngste Untersuchungen der EZB zeigen jedoch bislang keine negativen Effekte auf die Beschäftigung im Euroraum.

Nagel hatte zuvor erklärt, dass KI nicht zwangsläufig zu Stellenabbau in Europa führen werde und auch Vorteile für Unternehmen bringen könne. (mb/Bloomberg)