Tausende Aktionäre von Wirecard können nach dem Beinahe-Totalverlust möglicherweise doch Schadenersatzansprüche gegen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY geltend machen. Das berichten mehrere Medien, darunter "Spiegel Online". EY hatte über Jahre hinweg die frisierten Bilanzen des inzwischen insolventen, ehemaligen Dax-Konzerns testiert. Das Oberlandesgericht (OLG) München hat nun in einem vorläufigen Hinweis Zweifel an der Entscheidung des Landgerichts München geäußert, das Klagen auf Schadensersatz gegen EY ohne genaue Prüfung abgewiesen hatte.

Dieser vom OLG gegebene Hinweis bedeutet laut Spiegel aber nicht, dass die Richter die Wirtschaftsprüfer in jedem Fall für mitverantwortlich halten, oder dass ein Erfolg der Klagen gegen EY nun garantiert wäre. Der 8. Zivilsenat des OLG habe nur sehr deutlich gemacht, dass sich das Landgericht zu oberflächlich mit dem Fall befasst habe. Insbesondere kritisiert der OLG-Senat, dass es dem Landgericht wohl an "eigener Sachkunde" fehle, um die in einem Gutachten der später zusätzlich beauftragten Prüfungsgesellschaft KPMG erhobenen Vorwürfe gegen EY zu beurteilen. 

Untersuchungsausschuss ignoriert
Ferner hält das OLG dem LG vor, den Bericht des Wirecard-Untersuchungsausschuss im Bundestag zum Nachteil der klagenden Anleger ignoriert zu haben. Die Richter am OLG empfehlen laut Spiegel nun, ein Musterverfahren zu eröffnen. Daher erwäge das OLG auch, das Verfahren an das Landgericht zurück zu verweisen, um die bislang fehlende umfangreiche Beweisaufnahme nachzuholen.

Für Wirecard-Aktionäre führte die Pleite des Zahlungsabwicklers zu enormen Investmentverlusten in zweistelliger Milliardenhöhe. Zudem können sie sich keine Hoffnungen machen, vom Insolvenzverwalter zumindest etwas Geld zu sehen. Daher waren beim Münchner Landgericht Hunderte von Schadensersatzklagen gegen EY eingegangen, die aber bislang abgewiesen wurden. Das Landgericht sah laut der Meldung in mehreren Entscheidungen keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen den EY-Testaten und den Verlusten der Anleger, beziehungsweise keine Pflichtverletzung der Prüfer. Das OLG meldet an dieser Sichtweise große Bedenken an. (jb)