Im Anlegerskandal rund um die Berliner Picam-Gruppe wurde jetzt ein Urteil gefällt. Das Landgericht Kleve hat einen Anlagenvermittler zu Schadenersatz verurteilt. Grundlage waren die vom Gericht festgestellten Mängel in den Werbeunterlagen, die dem Beklagten als Sachkundigen hätten auffallen müssen. Allerdings kann der Vermittler Berufung beim Oberlandesgericht Düsseldorf einlegen.

"Dieses Urteil gegen den Anlagenvermittler hat Breitenwirkung, denn nach unserer Kenntnis wurden von den rund 70 Anlagenvermittlern der Picam-Gruppe nahezu immer die gleichen Präsentationsunterlagen verwendet, von denen wir nun wissen, dass sie falsche Sicherheiten vorspielen", kommentiert Jochen Strohmeyer, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht bei MZS Rechtsanwälte aus Düsseldorf, in einer Pressemitteilung.

Falsche Dax-Futures
Die Picam-Gruppe mit ihren Ablegern Piccor und Piccox soll Anleger um insgesamt 340 Millionen Euro betrogen haben. Die Vermögensverwaltungsfirma gab vor, per Handel mit Dax-Futures exorbitante Renditen von bis zu 20 Prozent jährlich erwirtschaften zu können. 

Allerdings vermutet die Staatsanwaltschaft, dass ein großer Teil des Kapitals gar nicht in Dax-Futures geflossen war, sondern in vier Fonds der Luxemburger Gesellschaft Von der Heydt Invest. Über Verbriefungsplattformen soll das Geld dann als Darlehen an Firmen weitergereicht worden sein. Die Darlehensforderungen wiederum wurden offenbar verbrieft und an der Börse Düsseldorf angeboten. Der Kreislauf schloss sich, indem das Anlegergeld von den Verbriefungsplattformen und Unternehmen zurück zur Piccor AG floss.

Anlagesumme: 270.000 Euro
In dem vor Gericht verhandelten Fall hatte die Familie der von der Kanzlei MZS betreuten Mandantin im Jahr 2014 Gelder über den Picam-Unternehmensverbund zum Zweck einer angeblichen Vermögensverwaltung in der Schweiz investiert. Laut Mitteilung habe sie "im guten Glauben und Vertrauen auf die Informationen aus der Produktpräsentation" 270.000 Euro auf das Treuhandkonto eines Wirtschaftsprüfers eingezahlt, der das Geld an den Schweizer Vermögensverwalter transferieren sollte. Inwieweit das tatsächlich geschah, sei bis heute nicht geklärt. Die Geldflüsse stehen laut MZS weiter im Zentrum der staatsanwaltlichen Ermittlungen. 

Gericht: Vermittler hätte stutzig werden müssen
MZS Rechtsanwälte forderten von dem Vermittler Schadenersatz, da er die "Sicherheiten des Produkts nicht überprüft und Unstimmigkeiten, die ihm als Fachmann auffallen hätten müssen, nicht verfolgt" habe.  Das Landgericht Kleve bestätigte diesen Vorwurf nun im Schlussurteil vom 30. April 2019: Der Beklagte habe es versäumt, die Unterlagen dahingehend zu prüfen, ob die enthaltenen Informationen schlüssig, sachlich und vollständig richtig sind. 

Nach Meinung des Gerichtes hätte er gleich an mehreren Stellen stutzig werden müssen. "Es gab in der Präsentation zum Beispiel Grafiken, die sich auf Performance-Ergebnisse bezogen, die zeitlich vor der Gründung der Piccor AG lagen – und die somit erkennbar keine tatsächlichen Werte sein können", gibt Rechtsanwalt Strohmeyer ein Beispiel. (jb)