Geldgeber des Edelmetallhändlers PIM Gold müssen damit rechnen, dass ihre Verluste weitaus größer sind als bisher gedacht. Insolvenzverwalter Renald Metoja von der Kanzlei Eisner Rechtsanwälte beziffert die bislang errechneten Ansprüche der Anleger auf bis zu 155 Millionen Euro. Dem stehen bisher jedoch nur Vermögenswerte von 17 Millionen Euro gegenüber, die Metoja bei seinem Amtsantritt gefunden hatte. Mit anderen Worten: PIM-Gold-Anleger müssen befürchten, dass bis zu 90 Prozent ihres Investments verloren sein könnten. Das schreibt das "Handelsblatt" (HB) unter Berufung auf den Bericht über die vorläufige Insolvenzverwaltung, der der Redaktion exklusiv vorliege.

Der im südhessischen Heusenstamm ansässige Edelmetallhändler hatte Ende September Insolvenz angemeldet. Zuvor war der Gründer und Geschäftsführer von PIM Gold unter Betrugsverdacht in Untersuchungshaft genommen worden; die Staatsanwaltschaft Darmstadt vermutet ein Schneeballsystem. Neu eingeworbene Kundengelder seien dazu eingesetzt worden, um Altanleger auszuzahlen und die Provisionen der Vermittler zu bedienen.

Das Geschäftsmodell von PIM Gold bestand im Kern darin, dass der Goldhändler Kunden angeboten haben soll, ihr Geld im Altgoldhandel zu verwenden und sie an den Erträgen eines ominösen "Gold-Recyclingkreislaufs" zu beteiligen. Unterm Strich, so frühere Berichte des Handelsblattes, hätten diese Verträge Kapitalanlagen geähnelt, die von Vermittlern vertrieben werden konnten und auch wurden. Das erworbene Gold sollte dabei in Tresoren gelagert werden.

Chaos in der Buchhaltung
Allerdings gibt es eine erhebliche Diskrepanz zwischen den bei PIM Gold tatsächlich gefundenen Goldbeständen und den laut Rechnungslegung vorhandenen Werten. Die Staatsanwaltschaft war im September noch davon ausgegangen, dass 1,9 Tonnen Gold im Wert von rund 82 Millionen Euro fehlten. Die Lücke ist aber offensichtlich weit größer, wie sich nun zeigt. Weder Insolvenzverwalter Metoja noch die Strafverteidigerin des Firmenchefs wollten sich auf Anfrage der Wirtschaftszeitung zum Inhalt des Gutachtens äußern.

Eine hohe Hürde für die Aufarbeitung und die Suche nach dem fehlenden Gold ist dem HB-Bericht zufolge, dass PIM Gold niemals über ein Warenwirtschaftsprogramm verfügt habe, "wodurch der Verbleib des Gold- und Schmuckbestands kaum nachzuvollziehen ist". Daher seien auch Tresore, in denen Goldbestände nach Kunden oder Vertragsarten getrennt aufbewahrt hätten sein sollen, nicht gefunden worden, schreibt Metoja. Zudem habe das Chaos in der Buchhaltung dazu geführt, dass auch Mitarbeiter sich an dem Gold bereichert hätten. 

Zu hohe Provisionszahlungen?
Laut Handelsblatt zeichnet der Bericht aber wenigstens das Ausmaß nach, in dem die Gesellschaft mit Gold gehandelt hat. Allein zwischen 2008 und 2017 habe das Unternehmen wohl Edelmetalle im Wert von 533 Millionen Euro verkauft, weitere knapp 13 Millionen Euro brachten Einrichtungsgebühren für die Goldverträge ein. 

Nicht minder interessant: Rund 46 Millionen Euro flossen in dieser Zeit als Provisionen an die selbstständigen Vertriebspartner wieder ab, schreiben die HB-Redakteure. Wegen der Missstände in der Buchhaltung sollen diese auch häufiger überhöhte Provisionen erhalten haben, so die Wirtschaftszeitung.

Hinweise auf Gold in der Türkei
Zudem gebe es in den Büchern Hinweise auf Gold- und Altgoldankäufe mit einem Volumen von 480 Millionen Euro. Auch wenn der Verbleib eines Großteils der Edelmetalldepots weiter ungeklärt sei, weisen Angaben offenbar darauf hin, dass mit eingesammelten Geldern Gold gekauft und dieses in die Türkei transferiert worden sei. 

Eine Schlüsselrolle soll dabei eine Scheideanstalt in Istanbul spielen. Bei dieser lagerten laut Handelsblatt Feingoldbestände von PIM in Höhe von insgesamt 603 Kilogramm. Das Edelmetall hätte aktuell einen Marktwert von über 28 Millionen Euro. Das Gold zurückzuholen könnte aber schwierig werden, schreibe Metoja selbst in dem Bericht, da es möglicherweise längst weitergereicht worden sei. 

Letzte Hoffnung: IT-Fehler
Eine vage Hoffnung bleibt Anlegern aber, führt die Wirtschaftszeitung weiter aus. Insidern zufolge soll ein IT-Fehler dazu geführt haben, dass Kundenansprüche aufgebläht wurden. Mit anderen Worten: Abhängig davon, wie viele Verträge von diesem Fehler betroffen wären, könnten die Ansprüche sinken und die Lücke zwischen Ansprüchen und Vermögen wieder etwas kleiner werden. (jb)