"Vorsicht ist besser als Nachsicht", "Holzauge sei wachsam", "Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste" – der deutsche Volksmund kennt eine Reihe von Redewendungen, mit denen jemand dazu gebracht werden soll, vorsichtig oder misstrauisch zu sein. Das gilt mittlerweile vor allem auch beim Online-Banking, da viele Kriminelle unterwegs sind, die versuchen, Zugriffsdaten von Kunden abzugreifen, oder direkt ans Geld von Verbrauchern zu kommen. Wer hier zu leichtgläubig ist, dem müssen Banken auch nicht das Geld ersetzen, das sie durch eine Betrugsmasche verloren haben. So hat zumindest das Landgericht (LG) Koblenz in einem allerdings nicht rechtskräftigen Urteil vom 1. Juni 2022 entscheiden (AZ. 3 O 378/21), über das die Kanzlei Dr. Bahr in einem Beitrag auf ihrer Internetseite berichtet.

In dem konkreten Fall nutzte die Klägerin als Kundin der beklagten Bank deren Online-Banking. Dabei muss jede Überweisung durch eine Sicherheitsnummer bestätigt werden, die von einem TAN-Generator erzeugt wird. Dieses Gerät zeigt auch die Nummer des Zielkontos und den zu überweisenden Betrag an. Am 23. November 2020 loggte sich die Kundin beim Online-Banking ein. Allerdings öffnete dem Bericht zufolge ein Schadprogramm auf ihrem Computer daraufhin ein Fenster mit der Aufforderung, eine "Demoüberweisung" in Höhe von mehreren 10.000 Euro an einen Herrn Mustermann vorzunehmen. Die Klägerin war wohl irritiert und startete die Anmeldung erneut – wieder öffnete sich das Fenster.

Schaden von knapp 10.000 Euro
Nun kam sie der Aufforderung nach und gab dazu die von ihrem TAN-Generator erzeugte Sicherheitsnummer ein. Das Schadprogramm nutzte diese Nummer für eine reale Überweisung in Höhe von 9.847,78 Euro vom Konto der Klägerin. Anschließend wurde die Klägerin auf das echte Online-Banking der Beklagten umgeleitet, wo sie wie gewohnt ihre Bankgeschäfte abwickelte.

Die Klägerin vertrat dem Bericht der Kanzlei Dr. Bahr zufolge im Prozess die Meinung, der überwiesene Betrag sei ihr von der Bank zu erstatten. Sie habe nicht erkennen können, dass es sich um eine Betrugsmasche – sogenanntes Pharming – handelte. Ihren Computer habe sie mit einem Virenprogramm geschützt. Die Beklagte verweigerte aber die Zahlung mit dem Argument, das Verhalten der Klägerin sei grob fahrlässig gewesen, so dass sie ihren Schaden selbst zu tragen habe.

LG Koblenz: Grob fahrlässiges Verhalten der Kundin
Das Gericht wies die Klage ab. Die Klägerin habe "in grob fahrlässiger Weise ihre Sorgfaltspflichten verletzt", als sie die "Demoüberweisung" mit einer echten Transaktionsnummer durchgeführt habe. Sie habe ganz naheliegende Überlegungen nicht angestellt und nicht beachtet, was jedem hätte einleuchten müssen. Von einem durchschnittlichen Computer-Nutzer könne erwartet werden, dass er die Nutzung des Online-Bankings einstellt, wenn die Umstände sehr zweifelhaft sind und auf ein fragwürdiges Geschehen hindeuten. Das, so führte das Gericht laut dem Bericht der Kanzlei weiter aus, sei hier der Fall gewesen. Es sei nämlich sehr ungewöhnlich, dass eine echte TAN einzugeben sei, obwohl keine reale Überweisung ausgeführt werden solle.

Dies hätte die Klägerin misstrauisch machen müssen. Auch die in der "Demoüberweisung" genannte hohe Summe hätte Anlass zu besonderer Vorsicht geben müssen. Die Klägerin habe ja selbst zugegeben, die Aufforderung sei ihr "gefühlsmäßig komisch vorgekommen", weshalb sie zunächst von vorn begonnen habe. Ferner habe sie auch sehen können, dass auf dem TAN-Generator die reale Ziel-Kontonummer und der tatsächliche Überweisungsbetrag angezeigt wurden. Dennoch habe die Klägerin die Transaktionsnummer für die "Demoüberweisung" eingegeben. Das hielt das Gericht für einen derart groben Verstoß gegen die Sorgfaltspflichten eines Bankkunden, dass die Klägerin den Schaden selbst zu tragen habe, so der Bericht der Kanzlei Dr. Bahr. (jb)