In seinem Büro im Berliner Regierungsviertel stehen bereits die Umzugskartons. Bald wird Gerhard Schick es verlassen, um seine Arbeit in der Geschäftsstelle der "Bürgerbewegung Finanzwende" aufzunehmen. Diese hat er am 15. September 2018 gegründet, am zehnten Jahrestag des Zusammenbruchs der US-Investmentbank Lehman Brothers. Seit Schick 2007 finanzpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag wurde, hat er mit fundierten Fachkenntnissen den Finger in viele Wunden gelegt. Zum Jahresende gibt er sein Bundestagsmandat ab. Wie kam es zu diesem Entschluss?

"Wir merken schon lange, dass in Bezug auf Finanzmarktthemen ein Ungleichgewicht in unserer Gesellschaft besteht", sagt Schick. Auf der einen Seite gebe es große Organisationen aus der Branche, etwa den Bundesverband deutscher Banken oder den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft oder den deutschen Fondsverband BVI. "All diese Verbände werfen ein enormes Gewicht in die politische Waagschale. Auf der anderen Seite gibt es in der Zivilgesellschaft bei Finanzmarktthemen eigentlich keine Interessenvertretungen der Bürgerinnen und Bürger", erklärt Schick. Zumindest gebe es keine, die sich nicht nur einzelnen Aspekten, sondern Finanzthemen umfassend widmet. Diese Lücke soll die die Bürgerbewegung Finanzwende nun schließen.

Prominente Mitstreiter
Für seine Bewegung hat Schick zahlreiche prominente Mitstreiter gewonnen. Ein Blick auf die Liste der Gründungsmitglieder zeigt: Das ganze politische Spektrum ist vertreten. "Wir haben auch Leute aus dem kirchlichen und dem ökologischen Bereich dabei", berichtet Schick. "Im Gründungsprozess war es sehr interessant zu sehen, dass an ganz verschiedenen Ecken der Gesellschaft Menschen sagen: 'Im Finanzmarkt stimmt etwas nicht'."

Trotz großer Regulierungsprojekte wie Basel III, Mifid II oder IDD sei das Finanzsystem nicht stabil, die nächste Finanzkrise damit programmiert, ist Schick überzeugt. "Ich denke, man kann bei der Finanzmarktregulierung eines sehr gut sehen: Die bürokratischen Regelungen sind häufig die Konsequenz daraus, dass man die Kernfragen nicht angehen konnte oder wollte", konstatiert er. "Aktuell versucht man an vielen Stellen, Komplexität mit Komplexität zu bekämpfen. Das geht immer schief." 

Harte, aber einfache Regeln
Das gelte auch für den Anlegerschutz. Hier sieht der Noch-Politiker das Kernproblem in dem Interessenkonflikt, der durch die Provisionen hervorgerufen werde. "Weil man nicht die politische Kraft hatte, die Provisionsberatung zu verbieten und ausschließlich ein anderes Beratungsmodell zuzulassen, stützt man sich jetzt auf lauter Krückstöcke", erklärt er. Solange der grundlegende Interessenkonflikt nicht gelöst ist, helfe alle Bürokratie dem Anleger aber nicht weiter. "Wir brauchen nicht mehr Regulierung – wir brauchen harte, aber einfache Regeln", sagt Schick.

Viele Jahre hat er als Politiker daran gearbeitet, Missstände im Finanzsystem aufzudecken und zu beheben. Unter anderem mit dem Untersuchungsausschuss zu den Cum-Ex-Geschäften hat Schick echte Erfolge erzielt. Warum kehrt er der Politik nun den Rücken? "

Dinge wirklich ändern
"Über die Jahre hinweg hat sich für mich klar gezeigt, dass wir viel Wissen herausgearbeitet haben und deshalb viel kritisieren mussten. Aber letztendlich fehlte uns in den entscheidenden Fragen das politische Gewicht, um uns durchzusetzen", sagt Schick. Wenn es gelinge, viele Menschen zu mobilisieren, die Protest äußern, ließen sich kritische Anträge oder Gesetze möglicherweise aber verhindern. "Deshalb will ich stärker mit Bürgerinnen und Bürgern zusammenarbeiten. Mir reicht es nicht mehr aus, Dinge aus der Opposition heraus zu kritisieren, ich will sie viel öfter wirklich ändern", sagt Schick.

Die Entscheidung, sein Bundestagsmandat niederzulegen, ist ihm sehr schwer gefallen. Beibehalten kann er es aber nicht. "Bundestagsmandat wie Finanzwende brauchen 100 Prozent meiner Kraft. Das geht nicht zusammen", erklärt er. Zudem könnten Interessenkonflikte entstehen, die er auf jeden Fall ausschließen will. Die Bewegung werde aber mit politischen Akteuren der verschiedenen Parteien aus Bund und Ländern zusammenarbeiten. "Das Parlament ist wichtig, doch es ist nicht der einzige Raum, in dem man politisch arbeiten kann. Wir werden versuchen, das zu kombinieren", sagt Schick.

Gemeinsam gegen Fehlentwicklungen vorgehen
Und wie wird die Arbeit der Bürgerbewegung Finanzwende in der Praxis aussehen? Wie können Bürger selbst aktiv dabei sein? Schick gibt ein Beispiel: "Wir haben uns auf der P&R-Gläubigerversammlung in München mit einem Stand hingestellt", berichtet er. Dabei waren Unterstützer aus dem Raum München, die die Bürgerbewegung kurz nach der Gründung angeschrieben hatten. Sie kamen, verteilten Infomaterial verteilen und sammelten Unterschriften.

"So sind wir mit vielen Betroffenen ins Gespräch gekommen und haben zusammen mit ihnen einen Brief an den Präsidenten der Bafin, Felix Hufeld, unterzeichnet", berichtet Schick. Genau so soll es laufen: "Bürgerinnen und Bürger versuchen gemeinsam, gegen Fehlentwicklungen am Finanzmarkt vorzugehen. Wir sind eine Bewegung zum Mitmachen", sagt Schick. (am)


Das vollständige Interview mit Gerhard Schick finden Sie in der aktuellen Heftausgabe 4/2018 von FONDS professionell, die Abonnenten dieser Tage zugestellt wird. Angemeldete KLUB-Mitglieder können das Interview auch ab Seite 352 im E-Magazin lesen.