Der Skandal um den Zahlungsabwickler Wirecard beschäftigt weiter Ermittlungsbehörden und die Politik. Dabei werden immer mehr Details bekannt, wie es dazu kam, dass Wirecard so lange ungehindert seinen nach aktuellem Wissensstand auf Bilanzmanipulationen aufgebauten Geschäften nachgehen konnte. Dazu gehört auch, dass die Finanzaufsicht Bafin, die wegen ihres Vorgehens in der Causa Wirecard massiv kritisiert wird, im Februar 2019 ein Verbot von Leerverkäufen der Wirecard-Aktie verfügte und so das Vertrauen der Finanzmärkte in den Konzern stärkte. Die Aufsicht setzte sich dabei sogar über diverse Bedenken der Bundesbank hinweg. Das meldet das "Handelsblatt" unter Berufung auf einen internen Vermerk der Bundesbank.

Aber von vorn: Die dem Bundesfinanzministerium unterstehende Behörde hatte die Bundesbank laut dem "Handelsblatt"-Bericht am 15. Februar 2019 über eine "möglicherweise bevorstehende leerverkaufsbeschränkende Maßnahme mit Bezug auf Aktien der Wirecard AG" informiert. Der Anlass: Negative Presseartikel, die zu einem Kursrückgang der Aktie geführt und Spekulanten auf den Plan gerufen hatten. Die Bafin schickte der Bundesbank dann am frühen Abend des 15. Februar einen Entwurf für eine Allgemeinverfügung und begründetet das Verbot mit einer "ernstzunehmenden Bedrohung für das Marktvertrauen in Deutschland".

Eigene Analysen von Wirecard durch Bundesbank
Ein Leerverkaufverbot sahen die Notenbanker aber nicht als erforderlich. Sie hatten laut Handelsblatt in dem Vermerk angeführt, dass "verschiedene Analysen zur Aktie der Wirecard AG durchgeführt" wurden, etwa hinsichtlich der Leerverkaufspositionen und möglicher Ansteckungseffekte für Papiere anderer Finanzunternehmen - offenbar ohne beunruhigendes Ergebnis für die Finanzstabilität in Deutschland. 

Der Punkt ist wichtig: Denn formal ist die Bundesbank für die Pflege des Marktvertrauens im Sinn des Anlegerschutzes nicht zuständig, sondern nur für die Finanzstabilität, so das Handelsblatt. Dennoch: Zumindest in einem informellen Telefonat zwischen Bafin und Bundesbank nach Eingang des Bafin-Entwurfes machte die Notenbank der Wirtschaftszeitung zufolge deutlich, dass sie dem Argument des bedrohten Marktvertrauens nicht folgt.  "Die Bundesbank informierte die Bafin daraufhin telefonisch informell (gegen 20.30 Uhr), dass sie diese Einschätzung nicht teile und die damalige Kursentwicklung (…) keine Ausstrahlungseffekte auf andere in Deutschland börsennotierte Finanztitel hätte", heißt es laut Handelsblatt in dem Vermerk. 

Vorliegen einer Verwechslung
Die Aufsicht verweist auf Nachfrage der Zeitung tatsächlich auf die verschiedenen Aufträge der beiden Institutionen und sieht eine "Verwechslung“ vorliegen. "Die Bundesbank wurde ausschließlich bezüglich des Aspekts Finanzstabilität involviert. Dass keine Bedrohung der Finanzstabilität vorlag, sahen Bundesbank und Bafin völlig identisch", erklärte eine Bafin-Sprecherin dem Handelsblatt. "Die Bafin-Maßnahme stützte sich allein auf ein bedrohtes Marktvertrauen. Hierzu wurde die Bundesbank mangels Zuständigkeit nicht eingebunden", so die Lesart der Bafin. Die Bundesbank äußerte sich nicht gegenüber dem Handelsblatt.

Pikant ist der Schritt der Aufsicht, weil sich durch das Verbot von Leerverkäufen der Kurs der Wirecard-Aktie wieder stabilisierte. Es kehrte vorübergehend Ruhe ein, bis die Gesellschaft im Juni 2020 Insolvenz anmelden musste und die Strafverfolgungsbehörde in München seitdem gegen Wirecard selbst ermittelt. (jb)