Finanzberater müssen Erfahrungen, Anlageziele, Risikotoleranz und Verlusttragfähigkeit ihrer Kunden ermitteln – so sieht es die EU-Richtlinie Mifid II vor. Künftig kommt ein weiteres, nicht-finanzielles Thema hinzu: die Abfrage der "Nachhaltigkeitspräferenzen". Bald dürfte die entsprechende Änderungsverordnung im EU-Amtsblatt veröffentlicht werden, danach müssen die Regeln in nationales Recht überführt werden. Für Anlageberater heißt das, dass sie ihre Kunden voraussichtlich ab einem bestimmten Stichtag im ersten oder zweiten Quartal 2022 fragen müssen, ob sie bei ihren Investments Öko- oder Ethikkriterien berücksichtigt wissen möchten.

Auch wenn der genaue Termin und die finale Version der Mifid-II-Änderung noch ausstehen, arbeiten die Verbände im Hintergrund schon längst daran, wie sich die wahrscheinlichen Vorgaben in der Praxis umsetzen lassen. Denn klar ist: Ohne Branchenstandard, welche Finanzprodukte als nachhaltig gelten dürfen und welche nicht, ist die neue Beratungspflicht im Alltag nicht zu stemmen. Denn dann müsste jeder Finanzberater selbst analysieren, welchen Fonds oder welches Zertifikat er einem Kunden, der sein Geld ökologisch oder ethisch korrekt investieren will, empfehlen darf.

Vier Abstufungen
Abgebildet werden soll die Information, welches Finanzprodukt nachhaltig ist, über eine Erweiterung der Zielmarktangaben. Dieses Daten-Set ist seit Einführung der Mifid-II-Richtlinie Anfang 2018 verpflichtend, es soll sicherstellen, dass Anlegern nur noch passende Fonds oder andere Finanzinstrumente empfohlen werden. Verbreitet werden diese Angaben in Deutschland über den zentralen Dienstleister WM-Daten.

Das aktuelle Konzept für die Zielmarkterweiterung, das der Fondsverband BVI, der Deutsche Derivate Verband (DDV) und der Bankendachverband Deutsche Kreditwirtschaft (DK) entwickelt haben und das FONDS professionell ONLINE vorliegt, sieht folgende vier Abstufungen vor:

Produktunabhängiges Zielmarktkonzept

Bezeichnung

Non-ESG

Basic

ESG

ESG-Impact

Datenfeld N

N = 0

N = B

N = E

N = I

Beschreibung

Keine Angaben oder nicht als nachhaltig deklariert

Berücksichtigung von und Transparenz über ESG-Aspekte*

Produkt folgt dezidierter ESG-Strategie; bestimmte Mindest-ausschlüsse*

Auswirkungs-bezogene Investments, keine schweren Verstöße gegen UN Global Compact*

*zusätzlich: Produktanbieter berücksichtigt anerkannten Branchenstandard; Quelle: Präsentation von DK, DDV und BVI

Als nachhaltig im Sinne der Mifid II sollen dem Konzept zufolge nur Finanzprodukte gelten, die ein "E" oder "I" im entsprechenden Zielmarkt-Datenfeld stehen haben. Für Fonds ist zunächst die Einstufung entscheidend, die ein Asset Manager gemäß der ab März geltenden Offenlegungsverordnung vornimmt. Dort wird zwischen sogenannten Artikel-8- (Fonds mit Nachhaltigkeitsstrategie) und Artikel-9-Produkten (Impact-Fonds) unterschieden. Zusätzlich zur Offenlegungsverordnung sieht das Verbändekonzept für "E"-Produkte gewisse quantitative Mindestausschlüsse vor. Es kann also Fonds geben, die der Anbieter gemäß Offenlegungsverordnung als nachhaltig eingestuft hat, die wegen fehlender Ausschlusskriterien im Zielmarktkonzept der deutschen Verbände aber nur ein "B" für "Basic" bekommen. Ein solches Produkt dürfte der Berater gegenüber seinem Kunden dann nicht als nachhaltig anpreisen.

Konkret ist laut aktuellem Konzept vorgesehen, dass bei "E"-Produkten nur Unternehmens ins Portfolio dürfen, die höchstens zehn Prozent ihres Umsatzes mit Rüstungsgütern erzielen – geächtete Waffen sind ganz tabu. Die Tabakproduktion soll höchstens fünf Prozent des Erlöses ausmachen dürfen, Kohle maximal 30 Prozent.

Die Banken wollten viele Ausschlüsse, die Fondsanbieter wenige
Gerade um die Mindestausschlüsse gab es dem Vernehmen nach ein hartes Ringen. "Die Kreditinstitute wollten ursprünglich deutlich mehr Ausschlusskriterien haben", berichtet BVI-Rechtsexpertin Anna Niemitz. "Das ist aus deren Sicht verständlich, denn sie möchten vermeiden, dass der Verdacht von 'Greenwashing' aufkommt. Zudem kann eine Liste mit Ausschlusskriterien das Thema Nachhaltigkeit im Kundengespräch greifbarer machen."

Auf der anderen Seite gibt es Fondsanbieter, denen selbst die recht kurze Liste mit Mindestausschlüssen zu lang ist. "Auch nachhaltige Fonds müssen die Möglichkeit haben, diversifiziert und flexibel zu investieren", betont Niemitz. Außerdem ist die Nachhaltigkeit – auch wenn sie aktuell im Fokus steht – nur einer von mehreren Aspekten der Geldanlage. "Es geht stets auch darum, dass ein nachhaltiger Fonds zum Chance-Risiko-Profil des Anlegers passt. Das wird bei zu vielen Ausschlusskriterien schwierig", sagt Niemitz. Deshalb habe der BVI in mühsamen Verhandlungen mit den anderen Verbänden die Ausschlüsse für nachhaltige Strategiefonds ("E") auf ein Minimum reduzieren können. Bei Impact-Fonds ("I") ist sogar nur ein einziges Ausschlusskriterium vorgesehen, nämlich Investments in Unternehmen, die schwerwiegende Verstöße gegen den UN Global Compact begehen.

Besser ein Kompromiss als verschiedene Konzepte
Niemitz bezeichnet das aktuelle Zielmarktkonzept als Mittelweg, auf den sich alle Seiten einigen konnten. "Es wäre nicht zielführend, wenn Anbieter und Vertriebe mit unterschiedlichen Modellen arbeiten würden", betont sie. Außerdem sei gut, dass die Verbände ein produktübergreifendes Konzept erarbeitet hätten, dass also beispielsweise für Fonds und Zertifikate die gleichen Voraussetzungen gelten. "Alles andere wäre den Anlegern nicht vermittelbar", sagt Niemitz.

Ob der momentane Entwurf der Verbände Bestand haben kann, ist freilich noch nicht ausgemacht. "Noch gibt es kein finales ESG-Zielmarktkonzept und keine WM-Datenfelder, um die Fonds zu klassifizieren", sagt die BVI-Expertin. "Das ist erst möglich, wenn die endgültigen Vorgaben der EU-Kommission vorliegen." (bm)