An den Finanzmärkten gibt es immer mehr Betrugsfälle – eine beunruhigende Entwicklung, meint Karl-Heinz Thielmann vom Analysehaus Long-Term Investing Research. Finanzbetrug sei eines der großen Tabuthemen an den Kapitalmärkten. Bei jedem Fall sei die Aufregung in der Fachpresse zwar groß, sie ebbe aber schnell wieder ab. Jeder Fall werde als Ausnahmefall angesehen. "Dass es inzwischen eine erdrückende Fülle von Ausnahmefällen gibt, scheint kaum zu beunruhigen", sagt Thielmann. 

"Sicherheit wird vorgetäuscht, wo in Wirklichkeit extremes Risiko ist"
Während Finanzbetrug früher vor allem im Vorspiegeln von unrealistisch hohen Gewinnmöglichkeiten bestanden habe, konzentrierten Schwindler sich heute vor allem darauf, Kosten, Risiken oder Fehlentwicklungen bei Kapitalanlageprodukten zu verschleiern. Gern würden beim Betrug manipulierte Zahlen eingesetzt, erklärt Thielmann weiter. Zu den üblichen Methoden zählten das Ausnutzen von Bewertungsspielräumen im Rahmen des sogenannten Fair-Value-Accounting, verzerrte finanzmathematische Modelle sowie irreführende Kennzahlen. "So wird Sicherheit vorgetäuscht, wo in Wirklichkeit extremes Risiko ist", sagt Thielmann. Moderner Finanzbetrug sei schwierig zu erkennen. Er werde oft noch unterschätzt oder nicht verstanden, was Schutz dagegen entsprechend schwer mache.

Um Fehlbewertungen auf die Spur zu kommen, gebe es indes verschiedene Wege – etwa seit 2004 die Deutsche Prüfstelle für Rechnungswesen (DPR), die die Bilanzen von börsennotierten Aktiengesellschaften stichprobenartig untersucht. Bisher seien die Ergebnisse erschreckend, sagt Thielmann: Allein im Jahr 2010 seien 26 Prozent der untersuchten Jahresbilanzen mangelhaft gewesen, im vergangenen Jahr 14 Prozent. "Selbst große und bekannte Unternehmen wie Continental und Infineon waren unter den Ertappten", sagt Thielmann. 

Mehr Schrecken bei Finanzbetrügern verbreiteten Hedgefondsmanager wie Jim Chanos. Dieser durchkämme den Finanzmarkt systematisch nach potenziellen Betrugsfällen, um Kandidaten für Leerverkäufe zu finden. Chanos lande dabei "erschreckend oft" Treffer, sagt Thielmann. Der Fondsmanager scheue sich auch nicht, seine Ergebnisse zu veröffentlichen. Für die US-Börse seien Chanos und ähnlich agierende Leerverkäufer "eine Art Gesundheitspolizei", sagt Thielmann. (mb)