Anleger sollten sich von Warnungen vor Spekulationsblasen am Aktienmarkt nicht irritieren lassen, sagt Karl-Heinz Thielmann vom Analysehaus Long-Term Investing Research. Allein aufgrund eines starken Kursanstiegs oder aufgrund hoher Bewertungen am Kapitalmarkt auf eine Spekulationsblase zu schließen, sei ungenügend. Warnungen vor Spekulationsblasen könnten vielmehr dazu führen, dass andere gefährliche Konstellationen am Finanzmarkt übersehen werden. 

Es gebe immer gute und rational erscheinende Gründe, warum sich Investoren zu einem bestimmten Zeitpunkt für hoch bewertete Anlagen entscheiden und so die Kurse in die Höhe treiben, sagt Thielmann. Hierzu müssten sie Annahmen über die Zukunft machen. Ob diese immer zutreffend seien, lasse sich aber erst nachträglich bestimmen. Horden von gierigen Anlegern, die massenweise ihr Geld verzocken, seien aber ein "oberflächliches Medienklischee" und habe mit der Wirklichkeit an den Kapitalmärkten nicht viel zu tun. 

Internetblase: Unseriöse Firmen waren kaum erkennbar
Ein gutes Beispiel hierfür sei die sogenannte Internetspekulationsblase Ende der Neunziger Jahre, die im Jahr 2000 platzte: "Sie wurde getrieben von der Euphorie vieler Anleger, die erkannten, welche fundamentalen Änderungen das Internet für unsere Art zu wirtschaften mit sich bringt", sagt Thielmann. Damals habe allerdings noch niemand vorhersehen können, welche Unternehmen sich letztlich durchsetzen würden. Bei den meisten habe sich die Euphorie als übertrieben herausgestellt, starke Kursverluste seien die Folge gewesen. Bei Unternehmen wie Amazon und Ebay wiederum habe sich der Optimismus der Anleger bezahlt gemacht. 

Grund für die damalige Blase waren Thielmann zufolge die vielen Unternehmen mit unseriösen Geschäftsmodellen und fragwürdige Bilanzierungsmethoden, die sich im Zuge der allgemeinen Euphorie an die Börse geschlichen hatten: "Auf Dauer konnten sie nicht überlebensfähig sein", sagt Thielmann. Echte Spekulationsgeschichten hätten deshalb auch immer viel mit häufigem und systematischem Betrug zu tun, da sie unseriöse Geschäftemacher in Scharen anzögen. Anleger indes könnten zum Zeitpunkt der Blase nicht unterscheiden, welches Unternehmen seriös sei und welches nicht.

Spekulationsblasen sind nicht notwendig für Krisen
Nicht jeder starke Kursanstieg habe mit einer Spekulationsblase zu tun, und wenn doch, müsse diese nicht zwingend gefährlich für die Wirtschaft sein, schließt Thielmann. Risikofaktoren wie Unproduktivität, Kreditfinanzierung und Betrug seien auch völlig unabhängig von exzessiven Kurssteigerungen gefährlich. Gefahren für Anleger lauerten vor allem bei der Intransparenz bei Finanzanlagen, die die genannten Risikofaktoren überspielten. "Spekulationsblasen erleichtern und verschlimmern Krisen, sind hierfür aber nicht unbedingt notwendig", so Thielmann. Wer sich nur darauf ausrichte, vermeintliche Blasengefahren zu vermeiden, sei prädestiniert dafür, am Kapitalmarkt in eine andere Falle zu tappen. (mb)