Als die Schweizerische Nationalbank (SNB) am 15. Januar die Bindung des Franken-Wechselkurses an den Euro aufgab, brach der Euro gegenüber der Schweizer Währung um fast 30 Prozent ein, und der Schweizer Aktienmarkt rauschte in den Keller. Beobachter waren sich einig: Ein schwarzer Schwan hatte die Schweiz getroffen. Mit diesem Begriff werden Ereignisse bezeichnet, die quasi für unmöglich gehalten werden, aber doch gelegentlich eintreffen. Der Statistiker Nassim Taleb, der den Begriff des schwarzen Schwans prägte, stellte fest, dass Menschen nach solchen Ereignissen nachträglich nach plausiblen Gründen für deren Zustandekommen suchen – es ergeben sich sogenannte narrative Verzerrungen.

Die SNB-Entscheidung sei nicht der einzige schwarze Schwan in den vergangenen Monaten gewesen, urteilt Karl-Heinz Thielmann, Analyst des Research-Hauses Long-Term Investing. Auch der fast gleichzeitige Kollaps der Preise von Erdöl, Eisenerz und Kupfer sowie der Run auf Kapitalanlagen mir sehr niedrigen oder sogar negativen Renditen hätten die Märkte überraschend getroffen. Immerhin: Beim Ölpreisverfall scheine mittlerweile klar, dass vor allem Saudi-Arabien dahinter stecke, selbst wenn dessen konkrete Motivation nach wie vor ein Rätsel sei. Viele andere Analysen zu den Preisbewegungen der vergangenen Monate zeigten starke narrative Verzerrungen.

Risikomanagement betreiben
Schwarze Schwäne seien in ihren Auswirkungen besonders verheerend, wenn Dinge für sehr sicher gehalten werden, man also seinem Scheinwissen über die Zukunft zu sehr vertraue, warnt Thielmann. Besonders fatal sei es, wenn man sich auf vermeintlich stabilisierende Markteingriffe verlasse. "Wenn diese wegfallen, wie zuletzt beim Schweizer Franken oder beim Ölpreis, wird die Gegenbewegung besonders heftig", so der Analyst. Das Gefühl von Sicherheit verleite zum Leichtsinn und zum Eingehen von Risikokonzentrationen. "Schwarzen Schwänen kann man nicht ausweichen, weil sie unvorhersehbar sind." Man könne nur versuchen, ihre Konsequenzen zu begrenzen, etwa durch Sicherheitsmargen oder eine breite Diversifikation. (fp)