Mehr als ein Jahr lang musste Blackrock in Deutschland, Österreich und Osteuropa ohne Länderchef auskommen: Dirk Klee hatte den US-Vermögensverwalter im April 2013 verlassen, um bei der UBS anzuheuern, und erst seit Juli 2014 ist diese Stelle wieder besetzt. Klees Nachfolger Christian Staub, der zusätzlich das Geschäft in der Schweiz verantwortet, kommt von Pimco, wo er seit 2008 das Zürcher Büro aufgebaut hatte. In seinem ersten großen Interview in neuer Position spricht der Betriebswirt mit FONDS professionell ONLINE über die Wachstumspläne von Blackrock im deutschsprachigen Raum und den Ausbau seines Teams.

Im zweiten Teil des Gesprächs erläutert Staub, welches Kalkül hinter der Zusammenlegung des deutschen und des Schweizer Marktes steckt – schließlich werden beide Länder bei den anderen großen Fondsanbietern meist getrennt geführt.

Herr Staub, Sie sind seit rund einem halben Jahr am Start. Was ist Ihr erster Eindruck vom Blackrock-Team in Deutschland, Österreich und der Schweiz? Was läuft gut, wo gibt es Baustellen?

Christian Staub: Blackrock als globales Unternehmen scheint mir sehr gut aufgestellt, um in dem neuen Umfeld, das nach der Finanzkrise herrscht, erfolgreich arbeiten zu können. Wir agieren frei von Interessenkonflikten – wir haben beispielsweise keine Bank als Mutterkonzern und betreiben auch kein Brokerage-Geschäft. Diese Unabhängigkeit hat in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Nicht nur international, auch in Deutschland sind wir auf einem sehr guten Weg. Wir wachsen seit vielen Jahren sehr solide, das gilt für unser Geschäft und auch das Team vor Ort.

Können Sie dieses Wachstum beziffern?

Staub: Wir veröffentlichen keine Zahlen für einzelne Länder oder Regionen. Aber Sie können davon ausgehen, dass es sich auch im Branchenvergleich um einen äußerst soliden Wert handelt. Neben der Unabhängigkeit spricht die Balance von passivem und aktivem Asset-Management für das Unternehmen. Eine so breite Aufstellung ist in der Industrie einmalig. Positiv überrascht hat mich auch, wie technologiegetrieben Blackrock ist. Zum Beispiel können wir mit "Aladdin", unserem Risikomanagementsystem, das wir auch an Dritte verkaufen, Investoren detailliert aufzeigen, wie sich ein Finanzprodukt in verschiedenen Marktphasen verhält. Mein erstes Fazit nach sechs Monaten bei Blackrock fällt daher sehr positiv aus.

Dennoch gibt es sicherlich Optimierungspotenzial, sonst hätte man Sie nicht anheuern müssen.

Staub (lacht): Wie in jedem Unternehmen gibt es auch hier Dinge, die sich noch besser machen lassen. Blackrock hat das erklärte Ziel, im deutschsprachigen Raum weiter zu wachsen. In den vergangenen Jahren wurden in erster Linie globale Produkte nach Deutschland, Österreich und die Schweiz gebracht. Das hat ohne Frage gut funktioniert. Um in die nächste Wachstumsphase einzutreten, müssen wir allerdings lokaler werden, etwa wenn es um die Art und Weise geht, wie wir mit Kunden kommunizieren oder Lösungen strukturieren. Dort kommen schnell regulatorische Vorgaben ins Spiel, die sich nur mit lokaler Expertise umsetzen lassen. Blackrock hat ein klares Bekenntnis zum deutschen Markt abgelegt und bereits erhebliche Investitionen getätigt. Mit München und Frankfurt haben wir zwei etwa gleich große Standorte mit inzwischen jeweils rund 60 Mitarbeitern. In München können wir über unsere Plattform für passive Produkte deutsche Fonds auflegen, was für das weitere Wachstum durchaus wichtig ist. Doch wir investieren weiter, nicht nur in Personal, sondern auch in Technologie oder für den Markt angepasste Reportings. Blackrock ist der global führende Asset-Manager. Dennoch wollen wir auch als lokaler Fondsanbieter bestehen.

Der jüngsten Erhebung der Analysegesellschaft Fund Buyer Focus zufolge ist Blackrock in Gesamteuropa bei Fondsselektoren erste Wahl. Auch das Länder-Ranking für Österreich führt Ihr neuer Arbeitgeber an. In Deutschland dagegen ist Blackrock nicht mal unter den ersten fünf zu finden – dort liegen Deutsche Asset & Wealth Management, Franklin Templeton und Allianz Global Investors vorne, gefolgt von kleineren Häusern wie Carmignac und Ethenea. Warum tut sich Blackrock in Deutschland offensichtlich schwerer als auf anderen europäischen Märkten?

Staub: Es gibt Erhebungen, die zu einem anderen Ergebnis kommen, aber im Grundsatz gebe ich Ihnen Recht: In Deutschland wird Blackrock in der Breite noch nicht so wahrgenommen, wie wir es eigentlich verdient hätten. Ich glaube auch, den Grund dafür zu kennen. Das Büro in Deutschland wurde 1994 eröffnet, damals noch von Merrill Lynch Investment Management. Dieser Anbieter war mit seinem Vertriebsfokus auf einzelne Produkte sehr erfolgreich, vor allem mit seinen Rohstofffonds. Nach der Übernahme durch Blackrock 2006 lebte das Image als Rohstoffspezialist fort. Das entspricht längst nicht mehr der Wahrheit, aber ich glaube, die Wahrnehmung ist immer noch leicht in diese Richtung geprägt. Nehmen Sie nur die Fixed-Income-Seite: 87 Prozent unserer Rentenfonds liegen auf Sicht von einem und drei Jahren über dem Vergleichsindex. Blackrock hat ein sehr starkes Angebot in der Breite – das zu kommunizieren ist genau einer der Punkte, an denen wir noch arbeiten müssen. Wir wollen bei unseren Kunden wahrgenommen werden als strategischer Partner über die gesamte Palette hinweg, egal ob aktiv, passiv, Aktien, Renten oder Multi-Asset. Da haben wir noch ein gutes Stück Arbeit vor uns.

Wie soll das konkret gelingen? Was tun Sie dafür, damit auch die deutschen Anleger lernen: Blackrock ist kein Rohstoffhaus, sondern der größte Vermögensverwalter der Welt?

Staub: Steter Tropfen höhlt den Stein. An erster Stelle steht natürlich die Performance. In einem umkämpften Markt, in dem alle großen internationalen Anbieter unterwegs sind, kann man nur bestehen, wenn die Produkte gut sind. Die gute Nachricht ist, dass die Qualität unserer Fonds stimmt. Als nächstes ist eine gewisse Mannschaftsstärke vonnöten. Nur ein Beispiel: In Deutschland gibt es über 400 Sparkassen, die zusammen mehr als 15.000 Filialen betreiben – mit zwei Vertriebsmitarbeitern können Sie die nicht betreuen. Wir haben insbesondere den Retail-Vertrieb in den vergangenen zwölf Monaten sehr stark ausgebaut. Inzwischen umfasst dieses Team rund 20 Mitarbeiter, was im Vergleich zu den meisten anderen ausländischen Fondsanbietern in Deutschland durchaus eine große Mannschaft ist. Das Geschäft beginnt jetzt richtig zu laufen, darum bin ich davon überzeugt, dass wir in diesem Jahr die ersten Früchte dieser Aufbauarbeit ernten werden.

Soll das Team noch weiter aufgestockt werden?

Staub: Der Aufbau ist noch nicht ganz abgeschlossen, punktuell werden wir noch Leute aufnehmen. Eine Überlegung ist zum Beispiel, Family Offices künftig mit einem eigenen kleinen Team zu betreuen. Es wäre aber übertrieben zu sagen: Jetzt verdoppeln wir die Zahl der Mitarbeiter noch mal.

Blackrock leistet sich drei Vertriebsteams, je eines für Retail, ETFs und das institutionelle Geschäft. Die Deutsche Asset & Wealth Management hat diese Teams vor gut zwei Jahren zusammengelegt und wirbt damit, ihren Kunden seither alle Produkte aus einer Hand bieten zu können. In den USA handhabt Blackrock das zumindest in einigen Vertriebskanälen ähnlich. Steht ein ähnlicher Schritt hierzulande bevor?

Staub: Eine Zusammenlegung der Teams ist kein Thema, aber es haben sich sinnvolle Verzahnungen ergeben, an denen wir weiter arbeiten werden. Ausschlaggebend sind die Entwicklungen auf Kundenseite. Früher hat ein Vertriebsmann einen Publikumsfonds den Research-Analysten einer Bank empfohlen, die haben das Produkt geprüft und in den Vertrieb eingesteuert. ETFs wurden an einer ganz anderen Stelle verkauft, nämlich an die Inhouse-Portfoliomanager der Bank – schließlich spielten ETFs im Retail-Vertrieb keine Rolle. So kam es, dass der iShares- und der Retail-Kollege nie mit den gleichen Ansprechpartnern zu tun hatten. Heute ist es anders: ETFs finden eine sehr viel breitere Anwendung, Research-Teams wurden zusammengelegt, darum stimmen sich auch unsere Mitarbeiter deutlich enger ab. Es kommt oft genug vor, dass zwei Kollegen gemeinsam zum Kunden fahren, wenn der sich sowohl für Retail-Fonds als auch für ETFs interessiert. Gegen eine Zusammenlegung der Teams spricht eine Überladung mit Produkten. Da gibt es eine natürliche Grenze. Es fällt mir schwer mir vorzustellen, dass ein einzelner Mitarbeiter gegenüber einer Bank wirklich die gesamte Blackrock-Produktpalette glaubwürdig vertreten könnte. (bm)