"Wir haben den Fehler begangen, die Stärke der zugrunde liegenden deflationären Kräfte zu unterschätzen", sagt Didier Saint-Georges über die jüngste Edelmetall-Strategie von Carmignac Gestion. Die französische Fondsgesellschaft verwaltet ein Vermögen von mehr als 54 Milliarden Euro, gut zehn Prozent davon waren bis zuletzt in Gold veranlagt. Als Mitglied des Investmentkomitees hat Saint-Georges nun mitentschieden, sich de facto von allen Gold-Positionen zu trennen. Weder die Geldpolitik noch die auf absehbare Zeit bestehende Aussicht auf negative Realzinsen in den wichtigsten Industrieländern hätten sich günstig auf die Entwicklung ausgewirkt, begründet er den Schritt in einem aktuellen Kommentar zur Anlagestrategie und den jüngsten Entwicklungen am Markt. 

Die konjunkturelle Schwäche in Europa ist nicht nur für die Entwicklung des Goldpreises ungünstig, sondern stünde auch einem strukturellen Abbau der Staatsschulden langfristig im Weg. Saint-Georges und Édouard Carmignac weisen seit einiger Zeit darufhin und fordern gleichzeitig ein aggressiveres Eingreifen der Geldpolitik. Wörtlich schreibt Saint-Georges: "Dieser Prozess wird sich über mehrere Jahre erstrecken. Die Zentralbanken sehen sich daher genötigt, ihre expansive Politik fortzuführen und die Renditen auf Staatsanleihen dauerhaft auf einem unnormal niedrigen Niveau zu halten. Aufgrund klassischer Haushaltsgrundsätze können die Regierungen keine antizyklischen Maßnahmen ergreifen. Die Zentralbanken sind daher auf sich selbst angewiesen, um Bedingungen für ein ausreichendes Nominalwachstum zu schaffen, mit dem die Staatsschulden auf ein tragbares Maß gesenkt werden können."
 
EZB-Politik reicht nicht aus
Der jüngste Zinsschritt durch die EZB ist dem Vernehmen nach dafür nicht ausreichend. Davon ist jedenfalls auch Saint-Georges überzeugt: "Die Geldpolitik der europäischen Länder ist unserer Auffassung nach den anstehenden Herausforderungen nicht angemessen." Erwartungen einer Konjunkturbelebung im zweiten Quartal seien daher viel zu optimistisch – zumal inzwischen auch Deutschland Ermüdungserscheinungen zeige. So steht einem Exportwachstum von 7,5 Prozent im August ein Rückgang um 1,2 Prozent in den vergangenen drei Monaten gegenüber. "Die anhaltende Schwäche der Weltwirtschaft lastet auf Deutschland ebenso wie auf allen anderen großen Exportländern", so der Experte.
 
Nächste Eskalation nicht weit entfernt
Saint-Georges geht zwar davon aus, dass die konjunkturelle Schwächung Deutschlands eine aggressivere Politik der EZB mit dem Ziel, eine Abwertung des Euro herbeizuführen, begünstige. Es stelle sich aber die Frage, ob die Wahlen zum deutschen Bundestag im September nicht zur Aufrechterhaltung eines "gefährlichen Status Quo" beitragen. Saint-Georges dazu: "Wenn zu der schwierigen Umsetzung des Schuldenabbaus, gegen den die italienische Bevölkerung sich bereits aufgelehnt hat, und zur Schwäche der europäischen Regierungen, die sich durch den erschreckenden Umgang mit der Krise in Zypern erneut erwiesen hat, noch die Erstarrung der EZB hinzukommt, kann die nächste Eskalation der Krise in Europa nicht weit entfernt sein." (dw)