Das Gesetz zur Honoraranlageberatung wird aller Voraussicht nach nicht die hohen Erwartungen der Bundesregierung erfüllen. Diesen Schluss lassen eine Umfrage von FONDS professionell ONLINE unter Banken und Verbänden sowie eine interne Erhebung des Verbunds Deutscher Honorarberater (VDH) zu. Demnach werden vom Start weg wohl nur eine Bank, eine Hand voll weiterer Finanzinstitute und wenige Hundert freie Berater unter dem neuen Gesetz arbeiten.

Das Regelwerk, das zum 1. August in Kraft tritt, heißt mit vollem Namen "Gesetz zur Förderung und Regulierung einer Honorarberatung über Finanzinstrumente". Dass das Gesetz die Honorarberatung in Deutschland voranbringt, darf allerdings als unwahrscheinlich gelten – zu gering ist wohl die Zahl der Banken und Berater, die sich den strengen Regeln unterwerfen werden (siehe dazu auch den Kommentar von FONDS professionell-Redakteur Bernd Mikosch: "Warum das Gesetz nach hinten losgehen kann").

Großbanken außen vor
FONDS professionell ONLINE fragte bei den vier deutschen Großbanken Deutsche Bank, Commerzbank, Hypovereinsbank und Postbank nach, ob sie vom Start weg Honorarberatung nach dem neuen Gesetz anbieten werden. Das ist bei keinem dieser Institute der Fall. Die Postbank beabsichtige "auch in der nächsten Zeit" nicht, eine Honorarberatung einzuführen. "Dies gilt für alle Vertriebszweige", so eine Sprecherin des Unternehmens. Die anderen Institute wollen ein solches Beratungsmodell für die Zukunft nicht ausschließen, sehen derzeit aber keinen Änderungsbedarf.

"Wir prüfen derzeit die Möglichkeiten zur Schaffung eines potenziellen Mehrwerts für unsere Kunden durch Ausbau der bereits vorhandenen Modelle", so eine Sprecherin der Deutschen Bank. "Die Weiterentwicklung zur Honoraranlageberatung im Sinne der gesetzlichen Definition ist dabei eine Option. Unsere Erfahrung und das Marktgeschehen zeigen allerdings, dass eine Beratung auf Honorarbasis bisher nur von einer sehr geringen Zahl vermögender Kunden nachgefragt wird." Die Commerzbank teilt mit, man habe sich mit der Einführung des "Premiumdepots" und dem Ausbau der Vermögensverwaltung "frühzeitig auf bevorstehende Anforderungen ausgerichtet". Die HVB verweist darauf, im Private Banking bereits Anfang 2012 ein Pauschalpreismodell eingeführt zu haben ("HVB Private Banking Depot Global"), bei denen Kunden einen Prozentsatz des Depotvolumens zahlen und dafür keine weiteren Transaktionskosten anfallen. Bestandsprovisionen werden rückvergütet. "Dieses Pauschalpreismodell hat sich bewährt und kommt bei Kunden sehr gut an. Daher besteht zum jetzigen Zeitpunkt kein Änderungsbedarf", sagte ein HVB-Sprecher.

Quirin allein auf weiter Flur
Der Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) berichtet von zwei Genossenschaftsbanken, die früher im begrenzten Umfang Honorarberatung angeboten hatten. "Allerdings sind uns aktuell keine Banken mehr bekannt. Die Hürden, die das neue Honoraranlageberatungsgesetz stellt, sind einfach zu hoch geworden", so ein Sprecher. Auch dem Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) fällt kein Verbandsmitglied ein, das Honorarberatung anbieten würde.

Das einzige größere Institut, von dem bekannt ist, dass es einen entsprechenden Antrag bei der Finanzaufsicht Bafin vorbereitet, ist die Quirin Bank. Diese Berliner Bank hat sich seit ihrer Gründung auf die Beratung gegen Honorar konzentriert. Sie trägt daher keine "Altlasten" aus der Provisionsberatung mit sich herum, die eine Registrierung als Honoraranlagenberater erschweren würden.

Privatbanken halten sich zurück
Selbst die zehn von FONDS professionell ONLINE befragten Privatbanken beabsichtigen nicht, unter dem neuen Gesetz zu arbeiten – obwohl einige von ihnen das Thema Honorarberatung seit Jahren vor sich hertragen. "Die Umsetzung des Gesetzes in seiner jetzigen Struktur ist für ein Haus unserer Größe mit einem vergleichsweise hohen administrativen und wirtschaftlichen Aufwand verbunden. Dies spricht gegenwärtig nicht für eine Anwendung", sagt beispielsweise Andreas Rapp, Leiter Private Banking bei Ellwanger & Geiger Privatbankiers.

Große Häuser wie Berenberg oder M.M. Warburg bieten zwar "All in Fee"-Konzepte an, die landläufig durchaus als Honorarmodell gelten dürfen, den strengen Regeln ab 1. August werden aber auch sie sich nicht unterwerfen. Das gleiche gilt für Donner & Reuschel, ein Institut, das bei Gebühren und Provisionen schon seit Jahren auf höchste Transparenz setzt und seinen Kunden in zahlreichen Preismodellen auch Kick-Back-Zahlungen durchleitet.

Strikte organisatorische Trennung als Hindernis
Der wohl wichtigste Grund, weswegen sich selbst solche Banken zumindest vorerst gegen das neue Gesetz entschieden haben: Die neuen Regeln fordern eine strikte organisatorische Trennung der Beratungssysteme. In der Praxis hat ein Bankmitarbeiter oft sowohl Kunden, die er gegen Honorar berät, als auch Klienten, bei denen er Provisionen vereinnahmt. Unter dem neuen Regelwerk ist das verboten. Eine etablierte Bank, die künftig Honoraranlageberatung nach dem Gesetz anbieten möchte, müsste einigen Kunden also neue Berater zuweisen und damit das gewachsene Vertrauen zum aktuellen Ansprechpartner aufs Spiel setzen – eine eher praxisferne Lösung.

In Frage kommt das neue Gesetz daher in erster Linie für Banken, die ausschließlich die Honorarberatung als Geschäftsmodell haben – wie Quirin. Auch einige andere nach dem Kreditwesengesetz (KWG) regulierte Finanzdienstleister werden nach Informationen von FONDS professionell ONLINE einen entsprechenden Antrag stellen, darunter etwa Runte Stadtmöller Mönckediek, ein Vermögensverwalter aus Frankfurt, der Provisionen aller Art ablehnt.

Fraglicher Bezeichnungsschutz
Es gibt allerdings auch KWG-regulierte Honorarberater, die zunächst auf eine Erlaubnis nach dem neuen Gesetz verzichten werden. "Eine entsprechende Erlaubnis wäre für uns mit zusätzlichem regulatorischen Aufwand und Kosten verbunden, würde aber kaum einen Nutzen bringen", sagt Max Lenzenhuber, Geschäftsführer des Jülicher Vermögensverwalters Galiplan.

Er stellt darauf ab, dass das Gesetz zunächst nur die Bezeichnung "Honorar-Anlageberater" schützt. "Nach diesem konkreten Wort suchen Verbraucher ohnehin nicht", sagt er. Ob auch der generelle Begriff "Honorarberater" geschützt ist, ist noch nicht ausgemacht. Die Meinungen der Juristen hierzu gehen auseinander, und die Bafin hat sich noch nicht klar geäußert. "Wenn es tatsächlich so kommt, dass wir uns nur unter dem neuen Gesetz als 'Honorarberater' bezeichnen dürfen, werden wir einen entsprechenden Antrag stellen", so Lenzenhuber.

Interesse unter gewerblichen Vermittlern hält sich in Grenzen
Auch fern der Bankenwelt ist das Interesse an dem neuen Gesetz eher gering. Das Regelwerk schafft neben dem KWG-regulierten "Honorar-Anlageberater" das Berufsbild des "Honorar-Finanzanlagenberaters", für den die Gewerbeordnung (GewO) um Paragraf 34h erweitert wird. Zielgruppe sind gewerbliche Finanzanlagenvermittler, die derzeit noch unter Paragraf 34f GewO arbeiten. Die Zahl der 34h-Berater dürfte jedoch überschaubar bleiben. "Wir haben in den vergangenen Wochen unsere Partner befragt, wer eine Zulassung nach Paragraf 34h GewO beantragen wird", berichtet VDH-Geschäftsführer Dieter Rauch. "Demnach planen nur 30 Prozent einen entsprechenden Antrag, die anderen wollen ihre 34f-Lizenz behalten. Der Grund dafür dürfte sein, dass das neue Gesetz den Beratern viele Einschränkungen auferlegt, denen kaum Vorteile gegenüberstehen", so Rauch.

Wer sich für eine 34h-Zulassung entscheidet, muss sich unter anderem von langjährigen Kunden trennen, die er schon immer gegen Provision beraten hat und die kein Interesse an einem Honorarmodell haben. Rauch rechnet damit, dass sich deutschlandweit nur etwa 300 bis 400 Berater, die heute schon Honorarkonzepte anbieten, als "Honorar-Finanzanlagenberater" registrieren lassen. Zum Vergleich: Unter Paragraf 34f GewO arbeiten gut 41.000 Finanzanlagenvermittler. "Die Nachfrage nach Honorarberatung durch Berater ist sehr hoch, anders die Nachfrage nach einer 34h-Registrierung", sagt Rauch. "Das ist ein seltsamer Umstand, zeigt aber die Lücken im neuen Gesetz." (bm)