Was wird aus dem Finanzstandort Großbritannien und vor allem der City of London nach dem Brexit? Disee Frage stellen sich nicht nur etablierte Finanzdienstleister wie Banken und Asset Manager, sondern ebenso ihre jungen Herausforderer aus dem Lager der Fintechs.

"Großbritannien und vor allem London werden als Fintech-Standort an Attraktivität verlieren", lautet die Antwort von Spiros Margaris, einem Unternehmensberater und Start-up-Investor aus der Schweiz, der dem Analysehaus Onalytica zufolge die Nummer 1 unter den 100 einflussreichsten Personen der internationalen Fintech-Szene ist. "Unsicherheit ist tödlich für Venture-Kapitalgeber, das wird Großbritannien zu spüren bekommen."

Die Stadt an der Themse bleibt wichtig
Im Gespräch mit FONDS professionell ONLINE betont Margaris aber zugleich, dass das Vereinigte Königreich und seine Hauptstadt auch weiterhin ein wichtiger Platz für Fintechs sein werden. "London bleibt London", ist er sich sicher. Die Stadt an der Themse könne weiterhin mit dem Pfund der englischen Sprache und einem Netzwerk an Spezialisten wuchern, das gerade für US-amerikanische Investoren interessant bleibt.

Dennoch glaubt Margaris, dass Deutschland neben Irland zu den Profiteuren des Brexit gehören wird: "Deutschland wird an Wichtigkeit gewinnen." Investoren suchten grundsätzlich Geschäftsmodelle, die europaweit funktionieren. Bisher sei es häufig so gewesen, dass eine Geschäftsidee in Großbritannien ausprobiert und bei Erfolg nach Europa exportiert wurde. Dies ist so bald nur noch eingeschränkt möglich: "Man fängt demnächst in Europa an und geht dann in das Vereinigte Königreich." Hierbei habe Deutschland gute Chancen. Anders als in manchen anderen Ländern seien Fintechs in der Bundesrepublik vernünftig bewertet und nicht zu teuer.

Bis zu 20 Prozent weniger Geld für London
Bei der Frage nach der künftigen Rolle von London und möglichen Nachfolgern als Fintech-Hub Europas geht es vor allem um Investorengelder, die neu zu verteilen sind. 2014 pumpten Investoren nach Angaben des Beratungsunternehmens Accenture weltweit rund elf Milliarden Euro in Start-ups aus der Finanz- und Versicherungsbranche. Der Löwenanteil ging in die USA, aber immerhin 563 Millionen Euro flossen nach Großbritannien und Irland – bei steigender Tendenz 2015. Deutsche Fintechs erhielten 2014 in Summe nur 74 Millionen Euro.
 
Margaris schätzt, dass wegen des Brexit künftig 10 bis 20 Prozent weniger Venture-Kapital nach London fließen wird. Demnach dürften Investorengelder in der Größenordnung von rund 100 Millionen neu verteilt werden. (jb)