Ziemlich genau fünf Jahre ist es her, dass sich die Vertreter der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) in London ein hehres Ziel setzten: Kein Finanzmarkt, kein Finanzmarktakteur und kein Finanzprodukt soll unbeaufsichtigt bleiben. Damals stand die Welt noch unter dem Schock der Lehman-Pleite, und die Politiker wirkten ehrlich entschlossen, die Finanzindustrie in ihre Grenzen zu weisen, um das Geld der Kleinanleger zu schützen.

Den hehren Zielen folgten unzählige Regulierungsvorhaben, international und national. Man denke nur an das Kapitalanlagegesetzbuch (KAGB), das Kohorten spezialisierter Anwälte beschäftigt und ob der nötigen Schriftstücke die Papierindustrie frohlocken lässt. Trotzdem blieben im grauen Kapitalmarkt Nischen, die noch immer nicht ausgeleuchtet wurden – etwa Nachrangdarlehen, mit denen das Finanzkonglomerat um Infinus in seinen letzten Wochen Millionen einsammelte, um das mutmaßliche Schneeballsystem am Laufen zu halten. Unbehelligt blieb auch der Direktvertrieb riskanter Finanzprodukte. Paradebeispiel ist der Windkraftkonzern Prokon, der seine Genussrechte per Werbung in Straßenbahnen und über Postwurfsendungen verkaufte und so lästige Pflichten wie das Beratungsprotokoll oder eine Geeignetheitsprüfung umging.

Regulierung kostet Geld – hoffentlich ist das gut investiert
Doch damit ist jetzt Schluss. Fünf Jahre nach dem historischen G20-Treffen in London soll auch in Deutschland endlich jedes Finanzprodukt reguliert sein. Bleiben Finanz- und Justizministerium ihren Ankündigungen vom Donnerstag treu, werden Nachrangdarlehen künftig genauso reguliert wie andere Finanzprodukte auch, und die Finanzaufsicht Bafin wird fragwürdige Werbung für riskante Anlageprodukte stoppen oder mit Warnhinweisen entschärfen. Produktanbieter dürfen sich außerdem nicht mehr hinter alten Geschäftszahlen aus ihrem Emissionsprospekt verstecken, sondern müssen die Informationen regelmäßig aktualisieren. Das alles kostet Geld, was letztlich die Rendite der Anleger schmälert. Sollte es damit allerdings gelingen, auch nur einen Anlageskandal pro Jahr zu verhindern, wäre das gut investiertes Geld.

An einigen Stellen gehen die Pläne freilich zu weit: Die Institution eines „Finanzmarktwächters“, der wohl bei der Verbraucherzentralen angesiedelt wird, wäre unnötig, wenn die Bafin mit den nötigen Mitteln ausgestattet würde.

Verluste lassen sich nicht verbieten
Davon abgesehen sind zwei Punkte wichtig: Zum einen steht fest, dass die Finanzaufsicht schon vor Jahren von einer wirtschaftlichen Schieflage bei Prokon und einer mutmaßlichen Bilanzmanipulation bei Infinus wusste. Die Bafin hätte den Schaden in beiden Fällen begrenzen können – auch ohne die jetzt geplanten neuen Kompetenzen. Zum anderen darf niemand erwarten, dass es künftig keine Anlageskandale mehr gibt. Die neuen Regeln können einen möglichen Betrug höchstens erschweren, aber nicht verhindern. Und dass ein Geschäftsmodell floppt und Anleger daher ihr Geld verlieren, kann ohnehin niemand ausschließen. Zum Glück. In einer Marktwirtschaft lassen sich Verluste nun mal nicht verbieten.