Guido LingnauGuido Lingnau, Fondsmanager bei der Guliver Finanzberatung, beschäftigt sich in seiner aktuellen Analyse mit der aktuellen Euro-Krise.

"Es gibt zwei große Ängste, die Anleger in Deutschland beunruhigen. Zum einen ist es die Gefahr einer sehr stark steigenden Inflation und zum zweiten die Gefahr eines Zerfalls des Euros mit Bankenzusammenbrüchen, ohne dass der Staat noch einmal das Geld hat, die Banken zu retten", meint Lingnau. Beide Möglichkeiten sind für den Fondsmanager sehr extrem und auch extrem unwahrscheinlich. Griechenland selbst sei zu klein, um eine größere Krise verursachen zu können. Die derzeitige Unruhe an den Finanzmärkte entstand, weil nicht nur Griechenland hohe Staatsschulden angehäuft hat - zuletzt wurde wahrscheinlich gezielt auf die italienischen Staatsschulden hingewiesen. "Die Macht der internationalen Spekulanten nimmt in unruhigen Zeiten generell zu. Man kann eben auch mit der Angst der Anleger Geld verdienen. Und Geld, das weltweit auf der Suche nach hohen Renditen ist, gibt es immer mehr. Die Staaten haben es den Spekulanten mit den immer höheren Schulden auch immer einfacher gemacht, gezielt Unruhe zu verbreiten", so Lingnau.

"Freiwillige" kleine Umschuldung für Griechenland wahrscheinlich
Für den Guliver-Experten ist die Politik jetzt der entscheidende Faktor für die weitere Entwicklung - doch derzeit sind keine eindeutigen Richtungen erkennbar. Eine Transfergemeinschaft würde kurzfristig Ruhe in die Märkte bringen. Das könnten auch neue von allen Euro-Staaten gemeinschaftlich garantierte Anleihen erreichen. Dies ist aber in Deutschland, den Niederlanden und in Finnland politisch nicht umsetzbar. Lingnau dazu: "Es wird wohl zu einer 'freiwilligen' kleinen Umschuldung und weiteren Hilfen für Griechenland kommen. Ob die Griechen die immer neuen Sparprogramme aushalten wollen, steht noch in den Sternen. Theoretisch ist das durchaus möglich. Man braucht nur weniger ausgeben, als man gleichzeitig einnimmt. Doch so einfach sind die Menschen nun einmal nicht. Wirtschaftswachstum auf Kredit führt langfristig zu Belastungen, die aufgrund der Zinsbelastungen höher sind als die vorübergehenden Vorteile."

"Nicht alle Eier in einen Korb legen"
Guliver spekuliert grundsätzlich weder auf eine griechische Pleite noch auf andere politische Krisen oder Naturkatastrophen - Länge, Schwere und Auswirkungen solcher unvorhersehbarer Ereignisse sind nicht einschätzbar. "Der Mensch hat aber immer wieder bewiesen, dass solche Einbrüche durch intelligentes Handeln zu bewältigen sind. Wir setzen seit zwei Jahren auf demografische Trends und sind dementsprechend auf die auch demografisch begünstigten aktuellen Krisenszenarien vorbereitet. Wichtig ist es auch, unterschiedliche Anlagen zu mischen, also nicht alle Eier in einen Korb zu legen", erklärt Lingnau.

Lingnau setzt überwiegend auf sichere deutsche Anleihen, die vom Staat garantiert werden: "Hier müssen wir nicht auf das Wort von Politikern vertrauen - wie bei Bankanlagen wie Tagesgeld oder Sparbüchern. Die Kurse sicherer Anleihen steigen bei einer zunehmenden Eurokrise. Wir haben seit Januar aber auch in beiden Fonds einen kleinen Anteil einer irischen Staatsanleihe zu einem reduzierten Kurs erworben, weil Irland das jüngste westeuropäische Land ist und allein schon dadurch gute Chancen hat, seine Schuldenproblematik zu lösen."

Neue politische Kräfte sind nötig
Für Lingnau ist es derzeit zwar noch gut möglich, den Euro am Leben zu halten, doch er bezweifelt, ob das sinnvoll ist. Die jetzt an der Macht befindlichen Politiker und Notenbanker haben den Euro aber gegen heftige Widerstände und mit großen Versprechungen eingeführt. Dass diese jetzt ihre Meinung so radikal ändern, sei extrem unwahrscheinlich. "Das müssten schon neue politische Kräfte sein, die erst langsam auftauchen. In der FDP gibt es eine recht starke Gruppe um den Finanzexperten der Bundestagsfraktion Frank Schäffler oder in Finnland die Partei 'Wahre Finnen'.  Insgesamt dürften diese Kräfte stärker werden. Bis sie maßgeblich werden, kann es aber noch dauern", meint Lingnau.

Für den Investmentexperten würden wohl erst einmal einige wenige Länder ausscheiden, wenn es doch zu einer Auflösung der Währungsunion kommen sollte - das könnten Griechenland oder Irland sein. Für diese beiden Länder sei es tatsächlich eine mögliche Option. Griechenland würde durch eine günstigere Währung automatisch weniger konsumieren können, ohne dass Löhne gesenkt werden müssten. Die dann für die Griechen hohe Inflation wäre gleichbedeutend mit niedrigeren Real-Lohnkosten für Unternehmen und Griechenland bekäme eine Chance, Investitionen anzuziehen und eine Exportindustrie aufzubauen.

Irland hat bereits eine sehr wettbewerbsfähige Wirtschaft. Kein anderes Land in Europa erzielt einen so hohen Exportüberschuss. Dieser ist sogar dreimal so hoch wie der deutsche Überschuss (relativ zur Wirtschaftskraft). Irlands neue Währung würde also nach einem kurzen Schock wieder zulegen. Der Vorteil für Irland wäre aber eine eigene Notenbank, die mit niedrigen Zinsen eine passgerechtere Währungspolitik betreiben könnte, als es die EZB derzeit tut.

Eigenes Währungssystem der starken Länder wäre ungemütlich für viele Exportunternehmen
Würden die starken Länder ausscheiden, würden laut Lingnau Deutschland und andere starke Länder wahrscheinlich ein eigenes Währungssystem schaffen: "Das würde vermutlich einen Anstieg der neuen Währung bedeuten und die heimische Exportwirtschaft drosseln. Das könnte ungemütlich für viele Exportunternehmen werden, da sie sich gegen dieses neue Risiko nicht absichern konnten. Deutsche Anleihen würden dann wohl starke Kursgewinne verzeichnen, während die Zinsen neue Tiefpunkte erreichen würden. Aktien und Anleihen in ausländischer Währung würden verlieren."

Erst wenn Sparguthaben abgebaut werden, wird es eng für verschuldete Staaten
Auf die Frage, ob wegen der Verschuldung von Staaten wie den USA und Japan das ganze internationale Finanzsystem zusammenbrechen könnte, meint Lingnau: "Die Schulden der Einen sind die Guthaben der Anderen. Wenn die Sparer weiter sparen, werden die Banken das Geld der Sparer als Kredit weitergeben. Da Unternehmen in alternden Gesellschaften nur noch wenig in mehr Wachstum investieren und auch weniger neue Häuser gebaut und finanziert werden, wird ein immer größerer Teil der Sparguthaben und Guthaben bei den Lebensversicherern in Staatsanleihen fließen. Erst wenn die Sparer insgesamt ihre Sparguthaben abbauen, also entsparen, wird es insgesamt eng für verschuldete Staaten.

In Japan und Finnland dürfte dieser Prozess zuerst beginnen. In Deutschland wird es wohl noch bis nach 2030 dauern, bis die hiesigen Babyboomer als Rentner ihre Rentenversicherungen in Anspruch nehmen und die Versicherer dann vom Netto-Käufer zum Netto-Verkäufer von Anleihen werden. Bis dahin sind hohe Staatsschulden möglich, wenn die Schulden überwiegend von Inländern gehalten werden. Japan hat so eine wesentlich höhere relative Verschuldung als Griechenland anhäufen können, ohne dass es bisher zu Problemen gekommen ist. Das wird sich aber vermutlich in Kürze ändern. Ich sehe das Euro-Schuldenproblem für gut lösbar, wenn der politische Wille dazu da ist. Japan hat allerdings einen Schuldenberg angehäuft, der wohl nicht mehr zu bewältigen ist."

Abgewerteter Dollar hätte nur Vorteile für die USA
Die USA hätten sich vor allem bei Inländern und bei Notenbanken verschuldet, daher sei die aktuelle Schuldenlast für die USA durchaus über einen längeren Zeitraum zu verkraften. Die starke Geldmengenausweitung der USA soll einen (geringen) Anstieg der Inflation und einen Anstieg bei den Häuserpreisen bringen. Die Inflationskosten würden dann Sparer und die Inhaber der US-Staatsanleihen tragen müssen - also auch die ausländischen Notenbanken wie die chinesische. Vorteile aus der abwertenden Währung hätten dann aber überwiegend US-Unternehmen, US-Staat und US-Arbeitsplätze.

Die USA haben laut Lingnau auch einen weiteren großen Vorteil gegenüber Japan oder Griechenland: Die Bevölkerung wächst um fast drei Millionen Menschen jährlich (zirka 0,9 Prozent). Die Geburtenrate liegt bei 2,1 Kindern je Frau. In Griechenland, Deutschland und Japan sind es nur jeweils 1,4. In den USA würde ein sanfteres Sparprogramm die Schuldenprobleme lösen können. "Ich hoffe, dass die politischen Querelen zwischen Demokraten und Republikanern schnell gelöst werden. Denn die Finanzmärkte können ein unsicheres Amerika jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Auch vom Schuldendisput in den USA profitieren derzeit deutsche Bundesanleihen, Währungen wie der Schweizer Franken oder Gold", meint Lingnau abschließend. (mb)