Jens P., Vorstand der Infinus AG Finanzdienstleistungsinstitut, ist am Montagnachmittag gegen Auflagen aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Einen entsprechenden Antrag habe die Staatsanwaltschaft Dresden aus zwei Gründen gestellt, sagte Oberstaatsanwalt Lorenz Haase gegenüber FONDS professionell ONLINE: "Zum einen hat P. bei der Aufklärung der Hintergründe geholfen und signalisiert, strafrechtliche Verantwortung übernehmen zu wollen. Zum anderen hat er dem bisherigen Ermittlungsstand zufolge weit weniger von dem mutmaßlichen Betrug profitiert als die anderen inhaftierten Beschuldigten."

P. musste allerdings seine Reisedokumente abgeben und muss sich regelmäßig melden. Der 47 Jahre alte Manager war vor gut drei Monaten während einer Razzia in Dresden festgenommen worden und saß zuletzt in der Justizvollzugsanstalt Zwickau ein.

Der Hausjurist bleibt in Haft
Die Haftbeschwerde eines weiteren Beschuldigten lehnte das Landgericht Dresden ab: Bei Siegfried B., Aufsichtsrat zahlreicher Infinus-Gesellschaften und Hausjurist der Firmenguppe, bestehe weiterhin Flucht- und Verdunkelungsgefahr. Er bleibt weiterhin in Görlitz in Untersuchungshaft. "Diese Entscheidung unterstreicht, dass unser Verdacht auf Anlagebetrug und Betreiben eines Schneeballsystems begründet ist", sagte Haase.

Neben Siegfried B. sitzen noch vier weitere Beschuldigte in Untersuchungshaft: Jörg Biehl, der Kopf der Konzernholding Future Business KGaA (Fubus), sowie Kewan K., Rudolf O. und Andreas K., die drei Vorstände der größten Konzerntochter Infinus AG Ihr Kompetenz-Partner. Ermittelt wird außerdem gegen den Wirtschaftsprüfer und den Steuerberater der Unternehmensgruppe sowie gegen den Eigentümer und den Geschäftsführer eines Salzburger Edelmetallhändlers, dessen Sparplanprodukt bei dem mutmaßlichen Betrug eine wesentliche Rolle spielte.

In einer ersten Pressemeldung im November 2013 sprach die Staatsanwaltschaft in Sachen Infinus von rund 25.000 betroffenen Anlegern, den möglichen Schaden bezifferte sie auf etwa 400 Millionen Euro. Einer Insolvenzverwalterin einer Infinus-Gesellschaft zufolge haben allerdings insgesamt rund 40.000 Anleger mehr als 65.000 Verträge abgeschlossen. Das in Summe bei der Unternehmensgruppe investierte Volumen beläuft sich Berechnungen von FONDS professionell zufolge auf bis zu 850 Millionen Euro.

Wichtiges Rädchen im System
Auch wenn Jens P. nach Auffassung der Staatsanwaltschaft nicht zu den größten Profiteuren des mutmaßlichen Betrugs zählt, so war er als Vorstand des Infinus-Haftungsdachs doch ein wichtiges Rädchen im System.

Die rechtlich vom Rest der Firmengruppe separierte Infinus AG Finanzdienstleistungsinstitut war der entscheidende Vertriebspartner der Orderschuldverschreibungen und Genussrechte der Emissionshäuser Future Business KGaA, Prosavus AG und Ecoconsort AG – ohne die zeitweise mehr als 800 Vermittler des Infinus-Haftungsdachs hätte der Konzern kaum frisches Geld einwerben können. Als Aufsichtsrat der Konzernmutter Future Business hatte P. zudem tiefe Einblicke in die Bücher der Firmengruppe.

Darf P. weiter als Vorstand des Haftungsdachs arbeiten?
Das Infinus-Haftungsdach ist weiterhin am Markt aktiv, leidet aber unter einem Beraterschwund: Seit der Razzia im November bis einschließlich 7. Februar haben sich mehr als 240 Vermittler von dem Haftungsdach abgemeldet, geht aus einem Register der Finanzaufsicht Bafin hervor. Das Finanzdienstleistungsinstitut residiert inzwischen nicht mehr in einer sanierten Altbauvilla im Dresdener Nobelstadtteil Blasewitz, sondern deutlich bodenständiger im Vorort Freital. Um ehemalige Infinus-Berater werben unterdessen Maklerpools wie Finprobus in Zusammenarbeit mit Jung, DMS & Cie. und Brenneisen Capital.

Offen ist, ob und wenn ja wie lange P. wieder als Vorstand des Haftungsdachs arbeiten wird. Die Zuverlässigkeit eines Geschäftsleiters ist eine wichtige Bedingung für die nötige Bafin-Lizenz eines Finanzdienstleistungsinstituts. Eine Bafin-Sprecherin sagte gegenüber FONDS professionell ONLINE, diese Zuverlässigkeit werde nicht nur bei der Bestellung des Geschäftsleiters überprüft, sondern laufend. Die Bafin kann einem Manager bei bewiesenen Verstößen gegen Vorschriften die Zuverlässigkeit absprechen – an strafrechtlich relevante Vorfälle ist sie dabei nicht gebunden. Die Tatsache, dass ein Vorstand in Untersuchungshaft saß, reiche jedoch keinesfalls aus, um ihm die Zuverlässigkeit abzusprechen, schließlich gelte nach wie vor die Unschuldsvermutung. Vielmehr stelle die Bafin in solchen Fällen eigene Ermittlungen an, so die Sprecherin.

Infinus ist Allianz-versichert
Dass P. der Staatsanwaltschaft sachdienliche Hinweise geben konnte, dürfte in der Chefetage der Allianz für Erleichterung sorgen. Denn dies spricht dafür, dass P. das mutmaßliche Betrugssystem tatsächlich kannte. Bei der Allianz hatte das Infinus-Haftungsdach eine Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Zahlreiche Anlegeranwälte werden versuchen, diese Versicherung in Anspruch zu nehmen. Bei Betrug muss der Versicherer allerdings nicht leisten – jeden Hinweis auf eine Verstrickung des Haftungsdach-Vorstands werden die Allianz-Juristen deshalb für sich zu nutzen versuchen. (bm)