Jim O'Neill ist zwar nicht mehr als Vermögensverwalter aktiv, was an den Finanzmärkten läuft, bekommt er aber weiterhin mit. Er ist heute für Universitäten wie Manchester und Cambridge aktiv und forscht auch für das unabhängige Wirtschaftsforschungsinstitut Bruegel in Brüssel.

In einem Anfang Februar publizierten Artikel gelangt O'Neill zu dem Schluss, dass das aktuelle breite Meinungsbild bezüglich der globalen Wirtschaftssituation tendenziell falsch sei. In etwa, so O'Neill, sehe die Konsensmeinung derzeit so aus: Seit der Finanzkrise gelingt es der entwickelten Welt nicht mehr sich grundlegend zu erholen, einzig die USA sei hier eine Ausnahme. In den Schwellenländern sei es zwar besser gelaufen, aber auch sie seien in jüngerer Zeit unter Druck geraten. In einem insgesamt schwierigen Wirtschaftsklima profitieren einzig die Vermögenden, was die Ungleichgewichte explodieren lasse.

Dieses aus der weltweiten Nachrichtenlage ableitbare Bild erweist sich nach Ansicht von O'Neill als falsch, wenn man die Situation etwas genauer analysiere. Schon bezüglich des Wirtschaftswachstums zeigen Zahlen des IWF, dass das durchschnittliche globale Wachstum seit Beginn dieses Jahrzehnts bei 3,4 Prozent lag, das sei zwar weniger als die 4,1 Prozent, die 2010 von O'Neill für die Dekade prognostiziert habe, aber keineswegs ein Desaster. Zum Vergleich: von 2000 bis 2010 wuchs die Weltwirtschaft im Durchschnitt um 3,7 Prozent pro Jahr, in den 80er und 90ern waren es 3,3 Prozent.

Wirklich schlecht läuft die Konjunktur nur ein Europa, wo die jährlichen Wachstumsraten zuletzt bei 0,3 Prozent lagen, erwartet hatte O'Neill eher 1,5 Prozent pro Jahr.

Japan, die USA und auch Großbritannien hingegen könnten für die Dekade bis 2020 sogar mit durchschnittlich höheren Wachstumsraten rechnen als in den zehn Jahren zwischen 2000 und 2010. O'Neill äußert sich angesichts des Ölpreisverfalls entsprechende überrascht darüber, dass der IWF seine Konjunkturprognosen nach unten statt nach oben revidiert hat. Der Ölpreisrückgang entspricht seiner Ansicht nach einer massiven Steuersenkung mit entsprechender Wirkung auf den Konsum.

Auch die Normalisierung der Handelsbeziehungen zwischen den USA und China wertet der frühere Goldman-Sachs-Fondsmanager als positiv. Beide Staaten seien mit beträchtlichen Handelsbilanz-Ungleichgewichten in die Finanzkrise eingetreten – die USA mit einem Minus von 6,5 Prozent des BIP, China mit zehn Prozent Plus. Heute liegt das Defizit der Vereinigten Saaten nur mehr bei zwei Prozent, Chinas Überschuss betrage nur noch drei Prozent. Angesichts des Umstands, dass diese Handelsbilanzungleichgewichte ein zentraler Faktor bei der Auslösung der Finanzkrise waren, sei dies eine begrüßenswerte Entwicklung.

Was die negative Berichterstattung über die enttäuschende Entwicklung der großen Schwellenländer (BRIC) betrifft, rückt O'Neill das Bild so zurecht: "Es ist nicht sonderlich überraschend, dass diese Länder nicht mehr so stark wachsen wie früher. 2010 erwartete ich für China Wachstumsraten von 7,5 Prozent, tatsächlich waren es seither acht Prozent. Indien hat sich etwas ungünstiger entwickelt, holt aber seit Anfang 2014 wieder auf. Wirklich enttäuschend entwickelten sich hingegen Brasilien und Russland, die beide unter den tieferen Rohstoffpreisen leiden. Ihre schwache Performance hat – gemeinsam mit der in Europa – dafür gesorgt, dass das weltweit erwartete Wachstum von 4,1 Prozent nicht erreicht wurde."

Auch die Diskussion über die wachsende Ungleichheit zwischen Armen und Reichen hält der Marktexperte für falsch. Zwischen 2000 und 2014 hat sich die globale Wirtschaftsleistung auf 75.000 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppelt. In dieser Zeit wuchs aber das nominelle BIP Chinas von 1,200 auf 10.000 Milliarden US-Dollar. Lag das gemeinsame BIP der BRIC-Staaten im Jahr 2000 bei etwa einem Viertel des Werts der USA, so liegt dieser Wert heute mit 16.000 vs. 17.400 Milliarden US-Dollar fast gleichauf. Länder wie Nigeria und Indonesien haben seit 2008 mehr zum weltweiten Wirtschaftswachstum beitragen als Europa.

Die Daten zeigen, so meint O'Neill, dass die Vorstellung von wachsender Ungleichheit falsch sei. Auf Einzelstaatenebene mag es wachsende Ungleichgewichte geben, pro Kopf wachse das Einkommen aber in den Schwellenländern wesentlich rascher als in der entwickelten Welt. Aus diesem Grund seit auch eines der wichtigsten Ziele der Millenium Developement Goals der Vereinten Nationen, nämlich die Zahl der in absoluter Armut lebenden Personen zu halbieren, fünf Jahre früher erreicht wurde, als dies geplant war.

O'Neills Fazit: "Es geht hier nicht darum, zu leugnen, dass wir in einer schwierigen und unsicheren Zeit leben. Aber eines ist klar: Zumindest wirtschaftlich entwickelt sich diese Welt positiv." (gf)