"Sell in May and go away" heißt eine alte Börsenweisheit, die ihren Ursprung in den USA hat, da dort Mitte April die Frist für steuerbegünstigte Anlagen für die Altersvorsorge abläuft. Der dadurch hervorgerufene Kapitalzufluss in Pensions- und Investmentfonds lässt die Kursnotierungen an den Börsen steigen und nach Auslaufen der Frist abrupt enden. Schenkt man der Weisheit glauben, ist nach einem Frühjahr mit Kursanstiegen die Luft in den Sommermonaten raus - verkaufen und zuschauen sollte dann die Empfehlung lauten, meint Yasin Sebastian Qureshi, Vorstand der Varengold Wertpapierhandelsbank AG. In einem Kommentar schreibt er hierzu wie folgt:

 

"Insbesondere die amerikanischen und europäischen Aktienmärkte zeigten in diesem Jahr die zur Börsenweisheit passenden Handelsmuster. Während zum Jahresbeginn bereits deutliche Kurssteigerungen zu erkennen waren, konnten viele Aktienindices wie der deutsche Dax mit 7600 Punkten und der amerikanische S&P 500 mit 1370 Punkten am ersten Handelstag im Mai neue Jahreshöchststände vermelden.

 

Der Kaufdruck war derart signifikant, dass selbst die zwischenzeitlichen Kursverluste, welche durch das Erdbeben in Japan und die nukleare Unsicherheit ausgelöst wurden, in kürzester Zeit kompensiert werden konnten. Gleichwohl verloren die Aktienmärkte im Verlauf des Wonnemonats Mai wieder merklich an Boden und auch die bisherigen Bewegungen im Juni bekräftigen den anhaltenden Abwärtstrend.

 

Für Managed Futures-Strategien war der Handelsmonat Mai eine Herausforderung. Nach deutlichen Zugewinnen im Vormonat hatten Großteile der systematischen Handelsmodelle Verluste vorzuweisen. Der NewEdge Index, welcher die Performance der 20 größten und investablen CTA-Manager innerhalb der Industrie abbildet, gab um 4,56 Prozent nach, was den stärksten Monatsverlust des Benchmark-Indizes binnen der letzten acht Jahre bedeutete. Der breiter diversifizierte Barclay CTA-Index gab indes um über 2,00 Prozent nach, wobei erst drei Viertel der Performancezahlen der über 565 Manager berücksichtigt sind.

 

Hauptbelastungsfaktor im Monat Mai waren die signifikanten Trendbrüche auf dem Rohstoffmarkt, wobei sich die Verluste hauptsächlich auf dem Energiemarkt sowie zu geringeren Teilen auf die Metall- und Agrarmärkte konzentrierten. So gehörten Long WTI Crude Oil und Brent Crude Positionen sowie Long Benzinkontrakte zu den Belastungstrades in den breit diversifizierten Portfolios vieler systematischer Trendfolger. Zudem mussten auf den Devisenmärkten Verluste in Kauf genommen werden, nachdem der US-Dollar sich erheblich verteuerte und viele Währungspaare abrupte Gegenbewegungen aufwiesen.

 

Die Marktbewegungen auf den Aktienmärkten trugen hingegen nur im geringen Maße zu den deutlichen Kursrückgängen der CTAs bei. Auffällig hingegen ist, dass nahezu alle Managed Futures-Manager in den Bereichen langfristiger und kurzfristiger Anleihen jeweils positive Renditen erzielten und so die Monatsverluste abfedern konnten. Zu den Renditetreibern gehörten insbesondere Eurodollar-Zinskontrakte und Long Positionen bei diversen US-Bonds.

 

Bei einer Detailbetrachtung der diversen CTA-Stile wird deutlich, dass im Handelsmonat Mai bei vielen Managern ein negatives Vorzeichen überwiegt und nur wenige positive Renditen in einem derartigen Marktumfeld generieren konnten. Im Einzelfall konnten Short-Term Trader mit einer Haltedauer bis zu einer Woche, die vier signifikanten Volatilitätsanstiege gewinnbringend ausnutzen, wobei das Marktumfeld für Modelle mit einer Haltedauer von ein bis zwei Wochen wiederum deutlich herausfordernder war.

 

Der NewEdge Short-Term Trader-Index gab im Handelsmonat leicht nach und büßte 0,28 Prozent ein. Die stärksten Substrategien verkörperten spezialisierte Manager, die sich generell auf den Renten- und Anleihen- Sektor beschränken, da hier die Trends merklich signifikanter und somit auch performanter waren. Zudem war zu erkennen, dass diskretionäre Handelsausrichtungen besser abschnitten, als computergestützte Modelle.

 

Börsenweisheiten haben ihren Charme, doch sie dienen oftmals mehr der Unterhaltung als der fundierten Analyse von Entwicklungen oder zukünftigen Kursprognosen. Kein bekannter Manager berücksichtigt Börsenweisheiten in seinen Handelsmodellen, da saisonal bedingte Schwankungen kein exakt wiederkehrendes Muster darstellen. Natürlich können solche Börsensprüche anhand statistischer Erkenntnisse aus der Vergangenheit abgeleitet werden, allerdings sind die Einflussfaktoren äußerst vielfältig und schwer in einem einzelnen Kernsatz zu beschreiben. Dennoch lieben die Marktteilnehmer derartige Weisheiten, die mit den bekannten Bauernregeln für das Wetter vergleichbar sind, da komplexe Wirkungszusammenhänge plötzlich leicht erscheinen und das oftmals schwer fassbare Börsengeschehen erklärbar machen." (ir)